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Schatz pflegen

Zu „In dunklen Höhlen“ MZ vom 7. Mai

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 14.05.2019 den Lesebrief von Winfried Huth:

Wenn seit 2011 die Exponate des ehemaligen„Natur- und Völkerkundemuseum Julius Riemer“ aus dem Schloss in Wittenberg in dunkle Depots verbannt wurden, so hat endlich, nachdem sich ein wissenschaftlicher Beirat dafür ausgesprochen hat, die Sammlung einen neuen Platz in Wittenberg gefunden.

Wenn man Wikipedia Glauben schenken will, dann merkt man sich: „Die Ausstellung ,Riemers Welt’ ist die einzige permanente ethnologische Ausstellung in Sachsen-Anhalt, die Exponate von verschiedenen Kontinenten präsentiert.…“ - und: „Auf dieser Etage befindet sich auch ein Raum, der insbesondere der Museumspädagogik zur Verfügung steht. Ein erweitertes museumspädagogisches Programm zur Darstellung spezifischer Fachthemen ist angedacht.“ Man kann sich nur wünschen, dass sich der Einsatz der Öffentlichkeit weiter durchsetzen kann und die museumspädagogische Arbeit gesichert und erweitert wird. So findet das Sammlerengagement des Sammlers Julius Riemer nachhaltige Anerkennung für die Vermittlung natur- und völkerkundlicher Kenntnisse. Schön ist, wenn auch dargestellt wird, dass der Stadt allmählich bewusst wird, dass sie mit der Riemersammlung einen Schatz hat, den sie pflegen und erhalten sollte, um ihn wirklich zu besitzen. Dazu gehört auch, dass die Unterstellungen über die nicht nachweisbare Herkunft des einen oder anderen Exponates, sowie die dauernden Versuche Riemer in die Nähe der Nationalsozialisten anzusiedeln, ausgeräumt werden. Die notwendige Provenienz-Forschung hatte bereits zur Erarbeitung des neuen Museumskonzeptes im wissenschaftlichen Beirat eine Rolle gespielt, neben den bekannten Unterstellungen seiner aktiven Verquickung mit den Nationalsozialisten. Was ist daraus geworden? – dann brauchte man jetzt nicht mehr mit bereits bekannten Fakten erneut zu spekulieren. Behauptungen sind gut, wenn sie bewiesen werden können.

Letztlich wurden keine belastbaren Ergebnisse vorgelegt. Die Verwendung von Grußformeln ist sicher nicht der dafür geltende Maßstab.

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Expedition in die Grauzone

MUSEUM Die Erforschung des Lebens von Julius Riemer in der NS-Zeit geht in eine
neue Runde. Berliner Ethnologe Nils Seethaler präsentiert entlastende Dokumente.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 11.05.2019 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - Wenige Tage nach Veröffentlichung eines MZ-Artikels über die Recherchen des Journalisten Mathias Tietke zum Leben des Sammlers und Museumsgründers Julius Riemer während der NS-Zeit hat die Stadt Wittenberg am Freitag darauf reagiert. Sie bot, wie es auffallend zurückhaltend hieß, dem Berliner Ethnologen Nils Seethaler ein Podium, erste Ergebnisse seiner Recherchen zu einer möglichen Verstrickung Riemers in die Diktatur vorzutragen. Seethaler ist Mitglied im Freundeskreis Riemer-Sammlung und als solcher auch an der Entwicklung des Stadtmuseums beteiligt, deren Ausstellung „Riemers Welt“ seit Monaten in der Debatte steht.

Jenseits der Selbstdarstellung

Folgt man seinen Erkenntnissen, die auf Archiv-Recherchen fußen und die er nur ein „Schlaglicht“ nennt, lässt sich zusammenfassen: Es gibt zu Riemers umstrittener Rolle im „Dritten Reich“ - komplementär zu Tietkes negativen Funden und Schlussfolgerungen - auch entlastendes Material. Und zwar abseits jener Selbstdarstellungen aus der Nachkriegszeit, auf die Riemer-Apologeten gern zurückgreifen, was Tietke zu Recht kritisiert. Seethaler sieht das ähnlich, wenn er derlei „wenig aussagekräftig“nennt.

Um die Rolle Riemers - der damals bekanntlich noch kein Wittenberger sondern Berliner war - während der NS-Zeit zu beleuchten, hat Seethaler sich bei seinen Recherchen unter anderem im Bundesarchiv - aus dem auch Tietke schöpft - auf die Frage konzentriert: „Wie standen die Nazis zu Riemer?“ Heraus kommt das Bild eines Mannes, der ihnen ein zumindest überaus suspekter Volksgenosse war. Julius Riemer, entnimmt Seethaler einer Korrespondenz der zuständigen Gauleitung, sei vor der Machtübernahme „Demokrat“ gewesen - seinerzeit sicher ein schlimmes Schimpfwort - und er stehe der NS-Gedankenwelt „fremd und interesselos gegenüber“. Anders gesagt: Er gilt den Nazis als nicht zuverlässig. Neu ist die Existenz dieses Briefes vom 6. Dezember 1941 nicht. Bereits im ersten Anlauf der Stadt ab 2010, mit Hilfe des Potsdamer Historikers Enrico Heitzer Licht ins Dunkle an Riemers Leben zu bringen, spielte er eine Rolle.

Unter der Oberfläche

Für Seethaler ist dieses Dokument von 1941 so etwas wie der Ausgangspunkt, von dem er die Jahre zuvor und danach betrachtet. Riemer, der Laie, der gleichwohl Anlaufstelle für die unterschiedlichsten Wissenschaftler darstellt und zeitweise 20 einschlägigen Vereinigungen angehört. Darunter eben auch dem bereits viel zitierten Verband der Karst- und Höhlenforscher.

Die Höhlenforschung als Zeitzeugin, als Be- oder Entlastungszeugin für Riemer mag heute ein wenig speziell erscheinen, für die Nazis war das Unterirdische vor allem auch dies: kriegswichtig. Insofern ist es - für Tietke wie für Seethaler und vor allem für die öffentliche Bewertung Riemers - von Belang, ob Riemer seinen Kollegen und Vorgänger im Vorstand der Höhlenforscher, den getauften Juden Benno Wolf, beerbte oder beschützte. Nils Seethaler jedenfalls präsentiert, neben Aussagen Riemers von 1937, in denen dieser auf das Unpolitische der Höhlenforschung pocht und sich über die Nazis lustig macht, auch NS-Schreiben von 1940, in denen Wolf und Riemer als „staatspolitisch unzuverlässig“ eingestuft würden. Riemers vermeintliche Nähe zu Göring wiederum sieht Seethaler „nach jetzigem Stand“ allein im gemeinsamen Interesse an der Wisent- Forschung begründet. Nach jetzigem Stand, wie gesagt.

Eine abschließende Bewertung kann und will Nils Seethaler mit seinen Recherchen nicht liefern. Es wird noch viele Expeditionen in die „Grauzone“ und damit verbunden „Überraschungen“ geben. Die Stadt Wittenberg sieht sich mit ihren Recherchen noch ganz am Anfang. Wie berichtet wird sie in diesem Jahr in die Provenienzforschung wieder einsteigen und dank erhoffter Fördermittel einen Wissenschaftler beauftragen. Andreas Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen und Museumschef, rechnet mit einem jahrelangen Prozess. Allein für den Fall des Sammlers Oskar Neumann, mit dem man beginnen will, würden zwei bis drei Jahre veranschlagt.

Dem Juden Neumann gelang 1942 die Flucht in die USA, möglicherweise mit Hilfe seines Vertrauten Riemer, so Seethaler. Julius Riemer wiederum erwarb Teile von dessen Sammlung. Zu welchen Preisen derlei Ankäufe stattfanden, wird Wurda zufolge ein zentraler Punkt der anstehenden Untersuchungen sein.

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Druckausgabe der Mitteldeutschen Zeitung.

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In dunklen Höhlen

ZEITGESCHICHTE In Wittenberg ist die Sammlung Julius Riemer wieder zu sehen.
Aber es gibt neue Hinweise auf NS-Verstrickungen des Urhebers.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 07.05.2019 folgenden Artikel von Günter Kowa:

WITTENBERG/MZ - Der Zuspruch war gewaltig, als die „Sammlung Julius Riemer“ Ende 2018 ihren fraglos einzigartigen Platz in der Wittenberger Museumslandschaft wieder einnahm. In der oberen Etage des neu eröffneten Stadtmuseums im Zeughaus ist das Neben- und Miteinander von Tierpräparaten aller Kontinente und Kulturzeugnisse außereuropäischer Völker wieder zu sehen, das der Berliner Handschuhfabrikant (1880-1958) nach dem Krieg von Berlin ins Wittenberger Schloss verlegte. Es war dort ausgestellt bis zum umbaubedingten Auszug 2011 und verschwand dann im Depot.

Die Feststimmung - vor allem unter dem „Freundeskreis Riemer“ - aber wurde von einem Einwurf jäh gestört: Erneut verschweige das Museum, dass Riemer ein Akteur im Dritten Reich war und frage auch nicht nach der kolonialen Herkunft seiner Erwerbungen.

„Die für Riemer bedeutsame Zeitspanne von 1933 bis 1945 wurde und wird komplett ausgeblendet“, sagte Mathias Tietke, Berliner Publizist, gebürtiger Wittenberger und Autor von Büchern zur Wittenberger Kulturgeschichte, bereits Anfang des Jahres der MZ. „Somit findet sich auch kein Wort zu Riemers Engagement und Zusammenarbeit für das beziehungsweise mit dem SS-Ahnenerbe, seine gute Beziehung zu Hermann Göring und seine finanzielle Förderung von NS-Expeditionen.“ Inzwischen hat Tietke der MZ Einblick in Kopien der Akten gewährt, die er im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfeld sichten konnte und die seine Vorwürfe untermauern.

Dass dieser die Biografie des Sammlers ins Blickfeld rückte, liegt auch am Konzept der Präsentation. Während sie einst im Schloss wissenschaftliche Ordnungsprinzipien anwandte, um Tiere in Gattungen und Lebensräumen zusammenzufassen sowie Volksbräuche und Kulturen zu thematisieren, schaut man jetzt auf „Riemers Welt“. In seinen Vitrinenschränken liegen die von ihm etikettierten Präparate oder Kunstgegenstände; sein Schreibtisch ist aufgebaut vor Fotos seiner Berliner Villa, und auf einer Art Karussell beäugt man seinen ausgestopften Terrier und den ausgehöhlten Elefantenfuß, der ihm als Papierkorb diente. Riemers Beziehung zum Dritten Reich wird in Wittenberg weiter von vielen bestritten. Ältere haben Erinnerungen an sein Nachkriegs-Wirken als Museumsmann von integerer Erscheinung. Eine NSDAP-Mitgliedschaft ist indes nicht bekannt. Von Forschungsbedarf sprach der Riemer-Freundeskreis, solange er dafür kämpfte, dass die Sammlung wieder ins Stadtmuseum kommt, wo sie nun tatsächlich ein Drittel der ohnehin knapp bemessenen Fläche beansprucht.

Verbindung zur SS

Befragt zur Herkunft der Sammlung und zu Riemers Biografie antwortete der Vorsitzende Michael Solf: „Wir wissen noch nicht alles“. Er glaube aber, „sagen zu können, dass man vergeblich nach dunklen Flecken suchen wird“. Diese Vermutung erweist sich nun als hinfällig, da Tietke inzwischen im Bundesarchiv vier Akten mit einem Umfang von 1 500 Seiten gesichtet hat. Neben viel Belanglosem liegt dort auch die Korrespondenz, die Riemer als Funktionär des Reichsverbands der Höhlenforscher mit Männern in Führungspositionen des „SS-Ahnenerbes“ unterhielt.

Im Sinne der Rassenlehre

Das SS-Ahnenerbe war eine 1935 von SS-Reichsführer Heinrich Himmler gegründete Forschungseinrichtung. Sie sollte auf vielerlei natur- und geisteswissenschaftlichen Gebieten die NS-Rassenlehre untermauern. Ein Forschungsgebiet war die Höhlenkunde. Dafür begeisterte sich Riemer ebenso wie Himmler. Zwei Schreiben von ihm, datiert 29. Juli 1941, liegen vor, in denen er Riemer zum „Landesgruppenleiter Reich-Mitte“ im Reichsverband der Höhlenforscher und in den Vorstand beruft, außerdem zum Schriftleiter, Kassenwart und Propaganda-Chef. Noch in 20 weiteren Verbänden hielt der umtriebige Riemer Ämter, so als Vorstand in der „Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“, deren Schirmherr Luftwaffenchef Hermann Göring war, mit Blick auf „Reinerhaltung des deutschen Urwilds“. Der Höhlen-Reichsverband war der von Himmler erzwungene, 1940 „gleichgeschaltete“ Nachfolger des 1922 gegründeten„Hauptverbands deutscher Höhlenforscher“, dem auch Riemer angehörte. Dessen Mitbegründer und zeitweilige Vorsitzende war der 1871 in Dresden geborene Jude protestantischen Glaubens Benno Wolf. Als promovierter Jurist und Richter wurde er zu einem Wegbereiter der Naturschutzgesetze. Einige Dokumente aus dem Bundesarchiv werfen neues Licht auf den Umgang der Höhlenforscher und des SS-Ahnenerbes mit ihm.

In Verehrung für Benno Wolf verleiht der heutige Verband der Höhlen- und Karstforscher einen Preis mit seinem Namen. Wolf aber endete in Theresienstadt. Daher hat der Verband Interesse an Riemer, weil es heißt, er habe sich um Wolfs Rettung bemüht.

Mit „Heil Hitler“ unterzeichnet

Friedhart Knolle, Harz-Naturparkdirektor und „Schriftleiter“ der Verbandszeitschrift, führt das in einem dort erschienenen Aufsatz aus. Es heißt darin unter anderem, Riemer sei es „nie in den Sinn gekommen“, seine Briefe mit „Heil Hitler“ zu unterschreiben - doch genau das findet man in den Briefen im Bundesarchiv. Ferner beruft sich Knolle auf Riemers „Dokumentarbericht“, geschrieben 1954 im Ton der Selbstrechtfertigung, sowie eine Anzahl von Briefen aus der Kriegszeit, laut Knolle aus dem Nachlass von Riemers Witwe. „Aber“, moniert Mathias Tietke, „diese Quellen sind nicht öffentlich zugänglich.“ Riemer, sagt Knolle, habe sich der Gleichschaltung des Verbands lange widersetzt, „um die Hand über Wolf zu halten.“ Dieser hatte im Zuge der „Arier“-Gesetze sein Richteramt verloren und arbeitete zurückgezogen an einem „Welthöhlenverzeichnis“. Im Januar 1941 schreibt Riemer einen Brief, den Knolle zitiert, an den Verbandsvorsitzenden, Geologen und SS-Standartenführer Hans Brand: „Um diesen uneigennützigen Mann zu schützen, möchte ich einen Vorschlag unterbreiten“ - nämlich, dass das Ahnenerbe monatlich 150 Reichsmark (RM) an den Verband zahlt, „zum Zwecke der Aufstellung eines Höhlenkatasters“.

Half er einem Juden?

Laut Knolle war das „ein verzweifelter Versuch der Hilfe für Benno Wolf“. Aber „die Verwendung des Geldes ist unbekannt“, entgegnet Tietke. Vielmehr gibt es in den von ihm eingesehenen Briefen eine weitere Forderung Riemers an das SS-Ahnenerbe in Höhe von 1 500 RM jährlich. Belege zeigen, dass er tatsächlich 250 RM pro Quartal erhielt.

Die Gestapo wiederum informiert Riemer im Vorhinein vom bevorstehenden Zugriff auf Wolf. Am 15. April 1942 schreibt Wolfram Sievers, Reichsgeschäftsführer des SS-Ahnenerbes, an Brand, „dass der Jude Benno Wolf mit einem Alterstransport zum Abschub gelangt“. Für Wolfs beschlagnahmte Postscheckhefte sei Riemer zuständig. Wolfram Sievers schreibt am 15. August: „Riemer hatte von uns den Auftrag, zu Wolf ständig Fühlung zu halten, um zu verhindern, dass das einzigartige Welthöhlenkatastermaterial eventuell von Wolf versteckt oder vernichtet würde.“ „Also“, sagt Tietke, „ein Auftrag direkt vom SS-Ahnenerbe.“

Der Stadt wird allmählich bewusst, dass sie mit der Sammlung Riemer einen Schatz hat, der dem Vergleich mit namhaften Häusern wie dem Bremer Überseemuseum oder dem Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus Museum standhält. Nach den jüngsten Archivfunden muss sie nun aber zu Riemer, dem Dritten Reich und der Kolonialgeschichte „die Sachlage prüfen“, wie Stadtsprecherin Karina Austermann auf Nachfrage mitteilt. Informationen dazu sollen künftig auf einem zusätzlichen Monitor abrufbar sein. Und zur Provenienzforschung werde eine Stelle ausgeschrieben. „Wir nehmen die Sache sehr ernst.“

Forderung nach Aufarbeitung

Und was schlägt Tietke vor? „Riemers zahlreiche Aktivitäten während der Zeit des Nationalsozialismus sollten dargestellt, die vorliegende Provenienzforschung öffentlich gemacht und die Ausstellung verkleinert werden“, sagt er. „Zu überlegen wäre, welche Exponate für Besucher wirklich interessant und ethisch vertretbar sind. Ein eigenes Gebäude für diese revidierte Präsentation scheint mir sinnvoll.“

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Druckausgabe der Mitteldeutschen Zeitung.

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Montags ist Baustelle

STADTMUSEUM Und es dreht sich doch: Karussell in „Riemers Welt“ ist jetzt montiert.
Ansonsten fehlt hie und da noch einiges. Und es gibt neue Probleme.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 09.04.2019 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - Als er die - erschrockenen? enttäuschten? - Blicke bemerkt, versichert Andreas Wurda, dass das Karussell sehr wohl „ab morgen zur Verfügung steht“. Immerhin: Es dreht sich schon an diesem Mittag. Montags ist Bautag im Stadtmuseum, denn zu ergänzen ist noch so einiges in dem am 21. Dezember 2018 eröffneten Haus.

Nachdem aus Frankreich nun auch das letzte Bauteil für den Spezialmotor des „Karussells“ eingetroffen ist, kann am regulären Schließtag der Tischler sein Werk vollenden. „Eine Umdrehung pro Minute“, sagt Matthias Schulze, der mit seinen Mitarbeitern erneut aus Zscherben angereist ist, um dieses i-Tüpfelchen auf „Riemers Welt“ zu setzen. Soll ja kein Rummelplatz sein, sondern Erkenntnisgewinn bieten. Ein „starkes Symbol für diese Zeit“, für Riemers Zeit, die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende, als man „Völkerschauen“ machte und anderen Kirmes heute zweifelhafter Art, sei dieses Karussell, unterstreicht einmal mehr Jan Wünsche von der Leipziger Agentur Kocmoc, die das Ausstellungshaus Zeughaus im Auftrag und gemeinsam mit der Stadt Wittenberg gestaltet. Ausgestattet mit - dezenten - Lämpchen und einem drehbaren, beschirmten Oberteil (beides muss man sich aber noch immer hinzudenken) stellt es je ein völker- und ein naturkundliches Objekt aus der Sammlung Julius Riemer einander gegenüber.

Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen und damit auch Chef des Stadtmuseums, hat die Medien an diesem Montag wieder einmal eingeladen, um die Fortschritte in Augenschein zu nehmen.„Es vervollständigt sich“, erklärt er hoffnungsfroh.

Bis die beiden Ausstellungen - Stadtgeschichte im ersten Obergeschoss und eben „Riemers Welt“ unterm Dach - komplett sind, werden allerdings noch mindestens Wochen ins Land gehen. Noch fehlen die großformatigen Grafiken, die, wie das bereits vorgestellte Wollnashorn in Flusslandschaft zur Bebilderung der Wittenberger Prähistorie, in der ersten Etage schlichte weiße Wände in farbige Infotafeln verwandeln werden.

Eine dieser Wände ist den Angaben zufolge für den Wittenberger Marktplatz reserviert, eine andere für einen Stadtplan von 1642. Entsprechendes ist auch für den Riemer-Teil geplant, die Motive hier: Primaten-Ausstellung von 1950 ff. und Riemer mit Kindern und Krokodil. Er rechne damit, dass es im nächsten Monat so weit sein werde, sagt Wünsche. Bei der Gelegenheit wird übrigens auch die schon gelieferte und angebrachte Kurfürsten- Grafik ersetzt: Sie schlägt unerwünschte Falten, zum Glück ein Reklamationsfall.

Komplett fehlen, nach gescheiterten Ausschreibungen, noch die Medienstationen, wo man sich etwa Filme zu einzelnen Exponaten wird ansehen können und deren Informationsgehalt bei Bedarf umstandslos aktualisiert werden können soll, was allein schon die aktuelle Debatte um die Person Julius Riemers notwendig erscheinen lässt. „In den nächsten Tagen“, stellt Wurda in Aussicht, werde sich auch die Beschaffung dieser Technik klären. Das Museum ist also noch immer eine Baustelle. Zusätzlich tun sich neue Probleme auf: Man sei gerade dabei zu klären, ob die Erschütterung des Holzfußbodens durch Schritte negative Auswirkungen auf die Exponate in den Vitrinen hat, berichtet Wurda. Keine bleibenden Schäden habe indes der Wassereinbruch vom 31. März hinterlassen. Fest stehe inzwischen, dass „menschliches Versagen“ die Ursache war.

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Druckausgabe der Mitteldeutschen Zeitung.

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Ziellos durchs Panoptikum

MUSEUM In Wittenberg ist die natur- und völkerkundliche Sammlung Riemer wieder ausgestellt. Doch die Art ihrer Präsentation ist in der Stadt umstritten.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 07.03.2019 folgenden Artikel von Günter Kowa:

WITTENBERG/MZ - Auf kommunaler Ebene gibt es in Wittenberg kaum eine (laut-)stärkere Kraft als die Freunde Julius Riemers. Ihr Kampf um den Erhalt, wenn nicht die Rettung, der schier uferlosen Sammlung völkerkundlicher, zoologischer und botanischer Objekte des 1945 nach Wittenberg umgesiedelten Berliner Handschuhfabrikanten (1880-1958) hat in der kulturpolitischen Arena der Stadt keine Parallele. Überzeugt, dass die sehr speziellen Schätze der Sammlung vom Vergessen, wenn nicht Schlimmerem bedroht sein würden, als sie 2011 aus dem Stammsitz im Schloss ins Depot umziehen mussten, taten sie alles, um dies zu verhindern. In Wittenberg ist das Riemer-Museum, das 1949 öffnete, Kindheitserinnerung.

Kritik am Ausstellungsdesign

Der Einsatz des nur lose organisierten Freundeskreises Julius Riemer hat nun dafür gesorgt, dass die Kollektion die oberste Etage des neuen Stadtgeschichtlichen Museums im Zeughaus am Arsenalplatz einnimmt. Aber die Riemer-Freunde sind von der Präsentation nicht begeistert. Die Kritik entzündet sich am Konzept der Leipziger Design-Agentur„Kocmoc“, die das Museum als Ganzes betreut.

Im Raum verteilt sind die Original-Vitrinenschränke Riemers, mit den Präparaten und Kunstgegenständen allenfalls nach Weltgegend und Gattung sortiert; in der Mitte sind Einzelstücke kunterbunt auf einem Karussell aufgestellt. Entgegen der Absicht dreht es sich nicht, weil es konservatorischen Einspruch dagegen gibt; der Jahrmarktseffekt ist trotzdem deutlich.

Die gleichwohl faszinierenden und reizvollen Objekte, bunte Vögel genauso wie kantige Figuren, ergeben ein Panoptikum, durch das man ziellos herumirrt. „Es ist eine Schande“, sagt gar die Freundeskreis-Gründerin, Ex-Mitarbeiterin im Riemer-Museum und angehende Riemer-Biografin Renate Gruber-Lieblich. Unbeteiligte Beobachter wie der in Wittenberg lebende emeritierte Literaturprofessor Hans-Jürgen Grabbe denken ähnlich: „So wie sie da steht, hat die Präsentation überhaupt keinen wissenschaftlichen Erkenntniswert.“

Mittlerweile bekommt das Thema immer neue Dimensionen, angefangen mit der Wertigkeit der Sammlung. Der Berliner Ethnologe Nils Seethaler, der ehrenamtlich an der Aufarbeitung mitwirkt, hält die Qualität und Bedeutung der meisten Exponate für grob unterschätzt. Er hat einzelne Objekte herausgenommen, auf „Transport“-Kisten inszeniert und auf Tafeln erklärt. Das Defizit an solch kundig einordnender Besucherführung wird umso bemerkenswerter, als Riemer und seine Frau Charlotte genau dies wollten. Letztere leitete das Museum noch Jahrzehnte nach seinem Tod. Die Schriftstellerin Christa Johannsen schildert 1967 einen Besuch im Museum und ein Gespräch mit ihr: „Sie sagt selbst, dass der Verstorbene lediglich Sammler ohne Sinn für Systematik gewesen wäre.“ Aber Mitarbeiter seien wissenschaftlich tätig. „Jetzt bauen wir die gesamte Entwicklungsgeschichte Afrikas auf, und Wissenschaftler von Ruf werden von uns zu diesem Zweck konsultiert.“

Darauf besinnen sich nun auch Verein und Museum. Seethaler gehört zu einem Netzwerk von Fachleuten, die sich einbringen wollen. Er glaubt, wie auch Stadtmuseumsleiter Andreas Wurda, dass erst die Rückkehr der Schätze in den öffentlichen Blick dieses Interesse geweckt hat. So ist aus ihrer Sicht die Erstpräsentation reparabel und die im „Karussell“ gewollte Symbolik auf andere Weise herzustellen: die in der Sammlung vorhandene und mit dem Sammler verknüpfte Vielfalt der Themen und Interessen. Aber die neue öffentliche Wahrnehmung Riemers fällt in eine Zeit, in der sich Sammlungen außereuropäischen Kulturguts kritischen Fragen nach ihrer kolonialen Herkunft stellen müssen. Riemer selbst nährt mit seiner Biografie Verdachtsmomente einer Verstrickung in die NS-Zeit. Beide Themen werden in Wittenberg medial und auf öffentlichen Veranstaltungen mit hitziger Intensität ausgetragen, hingegen aber im Museum selbst kaum angesprochen. Der Berliner Journalist Matthias Tietke, gebürtiger Wittenberger, Buchautor und Ausstellungsmacher zu Themen der Wittenberger Kulturgeschichte, hat genau dies als geschichtsvergessen angeprangert und fordert gründlichere Archivrecherchen.

Forschungsbedarf zu Riemer

Zwar gibt es dazu einige, bisher aber nur anhand des Riemer-Nachlasses. Dazu gehört etwa ein von ihm selbst 1954 verfasster„Dokumentar-Bericht“ über Benno Wolf, den jüdischen Juristen und Höhlenforscher, den Riemer nach seiner Darstellung vor dem Zugriff der Gestapo schützen wollte, bis hin zu direkten Interventionen sogar in der Reichskanzlei - aber letztlich vergeblich. Auch andere jüdische Wissenschaftler werden genannt, für die er sich eingesetzt haben soll. Der Abgleich mit möglichen anderen Quellen ist und bleibt ein Forschungsbedarf, wie eigentlich fast alles zu Riemers Leben, auch als unermüdlichem Käufer von außereuropäischem Kulturgut.

Seethaler hält das Museum deshalb für gut beraten, bei Angaben zur Biografie Riemers alles wegzulassen, „was reine Spekulation ist“. Aber den Forschungsbedarf nicht einmal zu benennen, ist dann doch des Puristischen zu viel. Es heißt, es solle ein Provenienzforscher eingestellt werden. Wenn es nach Seethaler geht, müsse der aber Naturkundler sein und als Leiter die Sammlung voranbringen. So oder so werde die Präsentation unverzüglich weiter bearbeitet. „Die Sammlung wird in wenigen Jahren nicht wiederzuerkennen sein.“

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In neuem Licht

STADTMUSEUM Im Zeughaus gehen zwei Monate nach der Eröffnung in dieser Woche
die Arbeiten an der Innenausstattung weiter. Installiert wird weitere Beleuchtung.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 26.02.2019 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - Auch zwei Monate nach ihrer Eröffnung ist die Ausstellung des Wittenberger Stadtmuseums noch in Arbeit. Die Prähistorie fehlt noch, die Zukunft auch. Aber immerhin, die Stellwände dafür stehen jetzt. Sie ziehen sich im ersten Obergeschossüber fast die gesamte Breite der beiden Giebelwände des Zeughauses und werden in den nächsten Tagen bestückt. Zunächst mit einem riesigen Wandbild: Ein Wollnashorn in Flusslandschaft nebst weiteren lang ausgestorbenen Kreaturen setzt den Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Stadt, die erst weitüber zehntausend Jahre später eine solche sein sollte.

Weißer Sand in der Wand

In die Flusslandschaft eingelassene Vitrinen werden die Eckpunkte dieser frühen Entwicklung markieren, darin etwa der weiße Sand, der Wittenberg den Namen gab - und, wie Museumschef Andreas Wurda versichert,„original“ ist, nämlich von Bauarbeiten am Lutherhaus - oder der Keil aus der Mittelsteinzeit, der um 1900 in der Bachstraße gefunden worden und Teil eines Pfluges war. Die Zukunft vis-à-vis wird naturgemäß virtueller gestaltet: Auf Monitoren soll sich die Entwicklung Wittenbergs seit 1990 nachvollziehen lassen.

Neben den genannten Stellwänden an den Stirnseiten wird derzeit an der Beleuchtung gefeilt. Dazu nutzt das Museum den regulären Schließtag und auch den heutigen Dienstag, an dem die erste Etage - Wittenberger Stadtgeschichte - wie berichtet fürs Publikum geschlossen bleibt. Rund 60 000 Euro werden darauf verwendet, die Exponate ins rechte Licht zu setzen. Hier ist Feinarbeit angesagt, der Grat zwischen Objekt-Schutz und Schummrigkeit ist schmal. Beseitigt, so Wurda, werden bei dieser Gelegenheit auch störende Reflexe auf der gläsernen Oberfläche der Vitrinenbänder, die sich zu den verschiedenen Themenbereichen durch die Etage ziehen. Erwartet wird in den nächsten Tagen die große Fahne, die weiland August der Starke dem Regiment Prinz Xaver verlieh und die Wittenberg erst 2008 nach hundertjähriger Abwesenheit wiederbekam - die Vitrine steht jetzt bereit. Dass eine der Vitrinen, die zur Eröffnung am 21. Dezember bereits bestückt waren, schon wieder leer ist, zeigt, dass das Wittenberger Museum allmählich in der Normalität ankommt: Die mittelalterliche Madonna ist ins Lutherhaus abgereist, als Leihgabe für die bevorstehende große Marienausstellung dort.

Was sich derzeit lichttechnisch im Bereich Stadtgeschichte tut, gilt auch für die obere Etage,„Riemers Welt“, wo ebenfalls in diesen Tagen noch spezielle Pendelleuchten installiert werden - auch um, zum Beispiel, die fliegenden Speere hoch über den Köpfen des Publikums besser sichtbar zu machen. Nach wie vor unvollständig ist das so genannte Karussell - Wurda und Jan Wünsche von der Agentur Kocmoc zufolge kann der Tischler nicht weiterarbeiten, da der Antriebsmotor noch nicht geliefert wurde.

Warten auf Medienstationen

Mit den Medienstationen, die hier wie vor allem auch im Bereich Stadtgeschichte jede Menge zusätzlicher - und ergänzbarer - Informationen bieten sollen, hat die Stadt bisher ebenfalls kein Glück gehabt. Nach gescheiterten Ausschreibungen müsse nun neu ausgeschrieben werden, so Wurda. Man hoffe aber, dass das Museum in den nächsten Monaten komplett fertiggestellt sein wird. In Erarbeitung ist wie berichtet das Konzept zur Museumspädagogik, zudem sind laut Wurda handliche Führer für die drei einzelnen Etagen geplant. Die wichtigsten Service-Informationen finden sich auf einer Postkarte, die die Stadt vor wenigen Tagen vorstellte - nur echt mit Giraffe.

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Druckausgabe der Mitteldeutschen Zeitung.

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In der Wunderkammer

STADTMUSEUM WITTENBERG Von Preußen, Giftmischern und Giraffen: Die Lutherstadt kann nach fünf Jahren ihre Sammlungen wieder der Öffentlichkeit präsentieren.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 16.02.2019 folgenden Artikel von Günter Kowa:

WITTENBERG/MZ - Das Wittenberger Stadtmuseum war die erste Kultureinrichtung, die den großen Reformationsumbau im Vorlauf zum Jubiläumsjahr zu spüren bekam und die letzte, die davon profitierte. Fünfeinhalb Jahre lagen zwischen dem Auszug - zusammen mit der natur- und völkerkundlichen Sammlung Riemer - aus dem Schloss und der Wiedereröffnung jüngst im Zeughaus, sieht man vom Vor-Blick auf die sogenannten Kronjuwelen und das Stadtmodell ab, womit 2015 das Erdgeschoss freigegeben wurde.

Eine solch lange Zeit in der Versenkung ist Gift für ein Museum, das den Publikumszuspruch braucht. Die Freunde der Riemer-Sammlung spornte das zu kommunalpolitischem Kampfeswillen an, mit dem sie am Ende das Zugeständnis einer kompletten Etage, ein Drittel der Gesamtfläche, ertrotzten. Andererseits war die Atempause die Chance, das Material zu sichten und eine Konzeption zu erarbeiten, die veränderten Umständen Rechnung trägt.

Die Idee der „Kronjuwelen“

Wie hat man sie genutzt? Museumsdirektor Andreas Wurda verweist auf den Wissenschaftlichen Beirat. Der tagte seit 2010 ein paar Mal und empfahl im September 2011 die Erstellung einer Konzeption durch die Leipziger Historikerin Beate Kusche, eine Kursachsen-Expertin. Einen Wettbewerb unter Museumsgestaltern gewann die Leipziger Design-Agentur „Kocmoc“ („Design das wirkt“). Sie hatten die Idee mit den „Kronjuwelen“ und haben nun auch ihren Entwurf sowohl der stadtgeschichtlichen Abteilung als auch der Riemer-Sammlung umgesetzt.

In der Stadt ist die Diskussion um das Ergebnis entbrannt, relativ verhalten im Fall Stadtgeschichte, dafür umso lauter bei Riemer. Die Kritik geht über spontane Publikumsreaktion hinaus. Es gibt viel Zuspruch, aber auch die Frage nach der Seriosität und dem Erkenntniswert der Präsentation, vor allem der Sammlung Riemer.

Nun da das Haus komplett ist, stellen sich aber ähnliche Fragen auch bei dem bekannten Teil neu, also den um das Stadtmodell angeordneten „Kronjuwelen“. Was selbstironisch gemeint war und anhand bedeutsamer und zugkräftiger Stücke Interesse wecken wollte, wirkt vier Jahre später statt frisch oder überraschend nur noch willkürlich. Es heißt, die Auswahl beruhe auf einer Umfrage-Aktion, doch ehrlicherweise muss man sagen, dass die Resonanz bescheiden war. Die Lobby der Riemer-Freunde ist mit dem Giraffenpräparat unübersehbar, das wie ein Schutzpatron über dem Stadtmodell thront.

An diesem Meisterwerk der Modellbaukunst mag man sich dank liebevoll ausgeführter alltagslebendiger Details kaum sattsehen. Aber es lässt ohne Not Fragen offen. Andreas Wurda würdigt im Gespräch die Leistung einer 17 Jahre währenden Arbeitsmaßnahme für Menschen mit Behinderung, die das Modell schufen und dabei über sich hinauswuchsen. Doch weder die „Medienstation“ noch die erklärenden Faltblätter (jeweils für „Klassiker“, „Kunstsinnige“, „Weltenbummler“ und auch Kinder) lassen sie zu Wort kommen, die doch auch Akteure von Stadtgeschichte sind. Ohne jede Erklärung macht das Modell einen Schnitt im östlichen Teil, als gäbe es kein Lutherhaus und Elstertor. Nun, die Maßnahme lief aus.

Wittenberg zur Preußen-Zeit

Dargestellt ist die Stadt zur Preußenzeit (konkret das Jahr 1873 vor der Schleifung der Wallanlagen). Eine explizite Erklärung gibt es nicht, warum nicht das Wittenberg der Reformation und damit der Weltgeschichte hier seinen Auftritt hat. Es wird aber deutlich, dass die Preußen sehr viel genau vermessenes Material hinterließen. Doch um über ihr Wirken seit 1816 Näheres zu erfahren, muss man in die Stadtgeschichtsetage hinaufsteigen.

Dort wird man die Epoche in einen Ablauf eingebettet finden, nämlich im Laufen gesenkten Hauptes entlang labyrinthisch aneinandergereihter Vitrinen. Es soll bald mehr „Medienstationen“, Beleuchtung und Exponate geben. Bis jetzt aber sind Sinnesreize, die den Marsch entlang der Vitrinen pointieren, eher schwach ausgeprägt. Man schreitet die Chronologie ab - durchaus mit Interesse und versorgt mit Daten zu Ereignissen und Akteuren -, aber die Gleichförmigkeit macht Höhepunkte, sprich Weltgeschichte, kaum kenntlich: Die „Hand der Giftmischerin“ bekommt eine Vitrine und der Schmalkaldische Krieg genauso.

Die universitäre Forschung, namentlich das Projekt „Ernestinisches Wittenberg“, hat kaum Niederschlag gefunden. Beispiele: Lucas Cranachs Investitionen in Häuser, sein Einfluss als Stadtrat auf die Entwicklung des Marktplatzes; Bau und Nutzung des Schlosses; die Blüte des Druck- und Buchgewerbes über den hier einzig genannten Hans Lufft hinaus.

Begleittexte mit Mängeln

Die am Projekt beteiligte Wittenberger Kunsthistorikerin und Stadträtin Christiane Hennen spricht von erheblichen Mängeln an den Texten. Für sie ist erkennbar, dass der von „Kocmoc“ beauftragte Historiker das Kusche-Konzept weniger umgesetzt als verweigert hat. „Ein neuer wissenschaftlicher Beirat ist jetzt unbedingt nötig“, sagt sie.

Ähnliches gilt wohl für die Riemer-Sammlung. Der Berliner Ethnologe Nils Seethaler, der den Freundeskreis ehrenamtlich bei der musealen Neupräsentation unterstützt, spricht von dem großen, aber jetzt kaum erkennbaren Potenzial von Julius Riemers Vorkriegs-Sammlung ausgestopfter Tiere und außereuropäischer Kultgegenstände. Diesem Thema kann nur ein gesonderter Artikel gerecht werden. Der Freundeskreis jedenfalls ist mit dem jetzt gezeigten Quasi-Schaudepot, der Überfülle an Exponaten in historischen Vitrinenschränken, alles andere als glücklich. „Das alles“ sagt Seethaler, „kann nicht das letzte Wort sein.“

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Online-Ausgabe der Mitteldeutschen Zeitung unter https://www.mz-web.de/kultur/in-der-wunderkammer-stadtmuseum-wittenberg-kann-sammlung-wieder-praesentieren-32048938.

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Museum ist noch nicht ganz fertig

Arbeiten dauern etwa drei Monate.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 21.01.2019 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

Weihnachten eröffneten Ausstellungen im Wittenberger Stadtmuseum werden voraussichtlich erst innerhalb der nächsten drei Monate komplett fertig gestellt sein. Dies erklärte im Kulturausschuss des Stadtrats eine Vertreterin der Städtischen Sammlungen: Desirée Bauer, dort Sachbearbeiterin für Stadtgeschichte.

Die noch klaffenden Lücken betreffen insbesondere die Medientechnik, vorgesehen sind wie berichtet zehn Medienstationen, wo man weitere Informationen zu den Exponaten abrufen kann, außerdem„Blätterelemente“, die ebenfalls noch fehlten. Auch das„Karussell“ im zweiten Obergeschoss („Riemers Welt“) sei noch nicht komplett. Noch in Arbeit seien eine „Hausordnung“, die auch das Fotografieren regelt, und das Leitsystem. Auch was die Museumspädagogik angeht - für dieses Bildungsangebot gibt es wie berichtet einen eigenen Raum im zweiten Obergeschoss - geht die Arbeit offenbar jetzt erst so richtig los. „Wir sitzen am Konzept“, sagte Bauer dazu und allgemein zur Kooperation mit den Schulen. Ähnliches gelte für Sonderausstellungen.

Mit der Resonanz nach dem Eröffnungstag - am 21. Dezember kamen bei freiem Eintritt weit über tausend Besucher - sei man „sehr zufrieden“, bilanzierte Bauer. An den Feiertagen etwa seien „einige Hundert“ im Museum gewesen. Zahlende Gäste erfasst die Kasse, die anderen würden von den Mitarbeitern vor Ort „gezählt“, sagte Bauer auf Nachfrage aus dem Ausschuss. Nur am Rande spielte die Debatte um den Inhalt der Ausstellungen eine Rolle. „Mit der Gegenposition“ - gemeint ist die Kritik des Berliner Journalisten Mathias Tietke - „setzen wir uns konstruktiv auseinander“, so Bauer. Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) verwies mit Blick auf die von Tietke geäußerte Kritik an der Darstellung Julius Riemers einmal mehr auf die bevorstehende Provenienzforschung. Der Oberbürgermeister kündigte an, dass es für das Museum wieder einen wissenschaftlichen Beirat geben solle. Zu führen sein werde darüber hinaus in nächster Zeit die Diskussion über ein Depot. Die Stadt Wittenberg will bekanntlich das leerstehende so genannte K-Gebäude neben dem Neuen Rathaus für die Städtischen Sammlungen sanieren. Mancher wünscht sich dort ein „Schaudepot“.

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Von Sowjets Durchleuchtet?

Geschichte - Heimatforscherin Ruth Böttcher antwortet auf Kritik von Journalist Mathias Tietke an Rolle des Sammlers Julius Riemer während der NS-Zeit

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 15.01.2019 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - Die Debatte um die Rolle des Sammlers und Museumsgründers Julius Riemer während der NS-Zeit wogt in Wittenberg munter weiter. Zu Wort gemeldet hat sich jetzt die Wittenbergerin Ruth Böttcher. Die Hobbyhistorikerin, die als bald 90-Jährige die ersten Jahre des Berliners Riemer in Wittenberg nach dem Zweiten Weltkrieg gewissermaßen als Zeitzeugin miterleben konnte, nimmt Riemer vehement gegen den Vorwurf der Nazi-Nähe in Schutz.

„Diffuse Äußerungen“

Den hat wie berichtet zuletzt der Berliner Journalist (und gebürtige Wittenberger) Mathias Tietke erhoben, Anlass war die Eröffnung des neuen Wittenberger Stadtmuseums am 21. Dezember. In Riemers ausgestelltem Lebenslauf würden die Jahre 1933 bis 1945 „komplett ausgeblendet“, hatte Tietke kritisiert und dem - von vielen wegen des alten Museums seit Kindertagen verehrten - Wahl-Wittenbergers Nähe zu Nazi-Größen bescheinigt. „Diffuse Äußerungen“ nennt dies Ruth Böttcher und stellt Tietkes ihre Sicht der Dinge gegenüber, die freilich nur die Wittenberger Jahre Riemers betreffen können, also das etwas mehr als eine Jahrzehnt bis zu dessen Tod 1958.

„Ich selbst“, schreibt Ruth Böttcher in ihrem Leserbrief an die MZ, „damals ein zwar junger, aber doch bewusst lebender Mensch, erinnere mich an diese Zeit wie folgt: Wir lebten bis 1949 in der Sowjetischen Besatzungszone. Ein Zuzug von Herrn Riemer mit seiner Sammlung ging damals keinesfalls ohne die ,Kommandantura’ über die Bühne (...) Man darf davon ausgehen, dass Herr Riemer von dort gründlich überprüft worden war und es keine politischen Vorbehalte gab. Die Besatzungsmacht war stets sehr gut informiert und empfindlich, was die Nazizeit betraf.“

Die von Tietke unterstellte „gute Beziehung zu Hermann Göring“ stellt Böttcher zwar nicht a priori in Abrede, versucht sie aber zu erklären. „Nun ja: Riemer war ein leidenschaftlicher Großwildjäger und Trophäensammler. Und er war Berliner. Beides traf auch auf Göring zu. Gut möglich, dass es also aufgrund der gleichen Interessen persönliche Begegnungen gegeben hat, zumal Riemer auch ein wohlhabender Industrieller war.“ Es sei „aber naiv anzunehmen, dass Riemer zum engeren Dunstkreis des Reichsmarschalls gehört haben soll“.

Als „völlig lächerlich“ bezeichnet die streitbare Heimatforscherin schließlich Tietkes „These“, Riemer sei auf Einladung Otto Kleinschmidts in die Lutherstadt gekommen (siehe „Acht Lastzüge und zwei Eisenbahnwaggons“). „Zu den Äußerungen von Herrn Tietke zu Kleinschmidt (Theologe) als Hitlerverehrer und Rassenforscher mögen sich andere äußern“, schreibt sie. „Auf jeden Fall ist es unredlich, Kleinschmidt und Riemer ideologisch miteinander zu vermengen.“ Otto Kleinschmidt, Theologe und Ornithologe, ist im Stadt-Gedächtnis vorrangig wegen seiner Verdienste als Leiter des Kirchlichen Forschungsheims und damit Vorreiter der Umweltbewegung verankert. Mathias Tietke erneuerte am Montag auf Anfrage der MZ indes seine Anmerkungen zu Kleinschmidt; er fügte zu diesem Zweck unter anderem zwei Reproduktionen von Buchtiteln bei.

Ergebnisse im Herbst

In Abrede stellte er, ebenfalls als Antwort auf Ruth Böttcher, zudem die „Wissenschaftlichkeit“ von Julius Riemer, dieser sei vielmehr lebenslang Sammler geblieben. Und an so manches „Sammelgut kam er offenbar u. a. dadurch“, unterstrich Tietke frühere Behauptungen, „dass er Expeditionen und Abenteuerreisen von SS-Offizieren großzügig finanzierte, wie jene von SS-Untersturmführer Otto Schulz-Kampfhenkel, Sonderbeauftragter für erdkundliche Fragen im Reichsforschungsrat“. Er erwarte, sagte Mathias Tietke der MZ, weitere Aufklärung über Julius Riemers Rolle in der NS-Zeit aus seinen laufenden Recherchen im Bundes- und im Landesarchiv (Berlin). Im Herbst wolle er in einem Vortrag mit dem Heimatverein über die Ergebnisse informieren.

Acht Lastzüge und zwei Eisenbahnwaggons

In ihrem Brief an die MZ erinnert Ruth Böttcher auch an die Anfänge des Riemer-Museums und zitiert dazu aus einem Bericht von Riemers Frau Charlotte von 1956 über den Umzug von Sammler und Sammlung: „Ende des Jahres 1947 traf der Sammler Julius Riemer nach vorheriger Verhandlung mit dem Rat der Stadt Wittenberg mit dem ersten Lastzug im Wittenberger Schloss ein. Diesem ersten Lastzug folgten noch sieben und dann zwei Eisenbahnwaggons. Nachdem das gesamte Material 1948 im Wittenberger Schloss eingetroffen war, begann nun die gro-ße Arbeit des Reinigens und Ordnens (52 000 Katalognummern). Aber schon im Jahr 1949 konnten vorerst zwei Räume unserer Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Es war noch kein Museum. Es waren Sammlungsräume. Das Schloss diente zum Teil noch als Notquartier für Umsiedler, aber nach und nach gelang es mit Hilfe des Rates der Stadt, einen Raum nach dem anderen zu beziehen. Es wurden Umbauten vorgenommen. Aufgrund eines damaligen 15jährigen Vertrages trat immer wieder der Rat der Stadt als Helfer auf; denn die Mittel des Sammlers gingen allmählich zur Neige. Aber mit diesen geringen Mitteln gelang der Museumsaufbau nicht. … So tat der Sammler Julius Riemer den entscheidenden Schritt zur Förderung des Museums und schloss den 99jährigen Vertrag (ab 1.1.1954) mit dem Rat der Stadt Wittenberg ab. Für den neuen Aufbau stand als fachlicher Helfer im Jahre 1953/54 der Direktor der Fachstelle für Heimatmuseen beim Ministerium für Kultur, Halle (Saale) - Herr Dr. Knorr - dem Museum zur Seite, der auch für diesen Neubeginn finanzielle Mittel freimachte, ehe der Vertrag bestand.“

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Druckausgabe der Mitteldeutschen Zeitung.

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Riemer wird verteidigt

Unter dieser Überschrift veröffentlichte Mitteldeutsche Zeitung am 05.01.2019 folgenden Artikel von Irina Steinmann unter der Rubrik "In Kürze":

WITTENBERG/MZ/IRS - Reagiert hat der Freundeskreis Julius Riemer Sammlung auf Kritik, in der Ausstellung des neuen Museums würde die Rolle des Sammlers während der NS-Zeit nicht beleuchtet. Die Diskussion sei als Thema „nicht neu“, sagte Vereinschef Michael Solf am Freitag auf MZ-Anfrage und räumte ein: „Wir wissen noch nicht alles“ über Riemer. Die ihm bekannten Fakten ließen allerdings„keine Schlüsse auf ein Fehlverhalten“ des Sammlers während der Nazi-Zeit zu. „Ich glaube sagen zu können, dass man vergeblich nach dunklen Flecken suchen wird“, so Solf. Dies erwarte er übrigens auch hinsichtlich der Frage kolonialen Raubguts, die andere Museen derzeit umtreibt, Stichwort Benin-Bronzen. Als Reaktion auf den Vorwurf des Berliner Journalisten und Ex-Wittenbergers Mathias Tietke zu Riemers Rolle während der NS-Zeit hat die Stadt auf die geplante Fortsetzung der Provenienzforschung verwiesen.

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Riemer, der Nazifreund?

STADTMUSEUM - Berliner Journalist vermisst in Ausstellung Informationen zur Rolle Julius Riemers während der NS-Zeit.

Unter dieser Überschrift veröffentlichte Mitteldeutsche Zeitung am 04.01.2019 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

Nur Tage nach seiner Eröffnung am 21. Dezember hat das neue Wittenberger Stadtmuseum einen ersten kleinen Skandal. Losgetreten hat ihn der Berliner Journalist und Yoga-Lehrer Mathias Tietke, der sich als gebürtiger Wittenberger auch mit der Geschichte seiner alten Heimatstadt befasst, gerne mit allem außer Luther, wie auch ein Buch von ihm heißt.

„Komplett ausgeblendet“

Tietke hat bei seiner neuesten Intervention Julius Riemer auf dem Kieker. Dem Sammler und dessen Sammlung ist im Zeughaus eine eigene Etage gewidmet, das zweite Obergeschoss. Es geht nicht um die so genannten Inka-Mumien, die in der neuen Ausstellung nur noch ein bisschen verschämt in einer verborgenen Ecke präsentiert werden. Tietkes Kritik zielt auf Riemer persönlich beziehungsweise auf dessen biografische Darstellung in der Schau: „Die für Riemer bedeutsame Zeitspanne von 1933 bis 1945 wurde und wird komplett ausgeblendet“, kritisiert Tietke. „Somit findet sich auch kein Wort zu Riemers Engagement und Zusammenarbeit für bzw. mit dem SS-Ahnenerbe, seine gute Beziehung zu Hermann Göring und seine finanzielle Förderung von NS-Expeditionen wie z. B. jene des Otto Schulz-Kampfhenkel.“ Die Vorwürfe selbst - also Riemers angebliche Nazi-Nähe - sind nicht neu und waren beispielsweise vor sieben Jahren, anlässlich eines Gutachtens, ausführlicher Gegenstand der lokalen MZ-Berichterstattung. Darin ging es insbesondere um Riemers führende Position und Rolle im reichsweiten Verband der Höhlenforscher.

Ebenfalls vermisst der Hobby- Historiker Tietke, der bei der Gelegenheit auch den Säulenheiligen des Kirchlichen Forschungsheimes Otto Kleinschmidt einen „Hitlerverehrer und Rassenforscher“ nennt, in der Ausstellung einen ausdrücklichen Verweis auf ein Hobby Riemers. Dieser sei „leidenschaftlicher Großwildjäger und Trophäensammler gewesen.

„Aus meiner Sicht müssen solche Dinge thematisiert werden!“, beklagt Tietke in seiner Mail an die MZ-Redaktion. Was erfährt der Besucher in der neuen Ausstellung über die Person Julius Riemer? Nun, überbordend viel ist es derzeit in der Tat nicht. Das Licht fällt in einzelnen Facetten auf den 1880 geborenen Berliner und späteren Wahlwittenberger. Wie er als Kind den Kopf seines toten Hundes wieder ausbuddelte, um ihn genauer zu untersuchen. Wie die Villa aussah, in der die Fabrikantenfamilie Riemer in Weißensee lebte. Später dann eine eindrückliche Trophäenschau in der Tempelhofer Wohnung. Und schließlich: der „Neubeginn in Wittenberg“ im Jahre 1948, eben auf Einladung von Kleinschmidt.

Eines der wenigen Text-Bild-Täfelchen ist auch Riemers Rollen in verschiedenen naturwissenschaftlichen Gesellschaften ab den „1930ern“ gewidmet. Ein Briefausriss von 1941 handelt vom offenbar kostspieligen Erwerb eines Bartgeiers in Albanien. Wie viele zusätzliche Informationen über Riemers Engagement in diesen politisch hoch brisanten Zeiten sich wohl hinter „R09“ verbergen mögen? Nun, die Hörstation, auf die diese Buchstaben-/Ziffernfolge verweist, sie ist - wie alle- noch nicht installiert. Wie vor der Eröffnung berichtet, soll dies erst in den nächsten Wochen geschehen.

Die Stadt Wittenberg, die in der Angelegenheit inzwischen ebenfalls Post von Tietke bekommen hat, weist dessen Kritik an der biografischen Darstellung Riemers zwischen 1933 und 1945 nicht zurück. Allerdings verweist sie auf die noch ausstehende Provenienzforschung, in deren Verlauf auch diese Fragen geklärt würden. „Wir wollen das untersuchen“, versicherte Stadt-Sprecherin Karina Austermann. „Wir wissen, dass es noch Fragen zu unserer Ausstellung gibt.“ In Kürze werde der, wie sie sagte, umzugshalber unterbrochene Prozess fortgesetzt und dann werde wo nötig in der Ausstellung „nachjustiert“. Eine entsprechende Stelle für die Provenienzforschung sei bereits ausgeschrieben worden.

Unzeitgemäßes Panoptikum?

Der wissenschaftliche Beirat, der die Neukonzeption des Wittenberger Museums begleitete, hatte - woran Austermann jetzt einmal mehr erinnerte - der Stadt Wittenberg dringend empfohlen, Provenienzforschung zu betreiben. Die ist bekanntlich nicht erst seit heute allgemein ein Muss im Museumswesen, insbesondere um
die legale oder nicht legale Herkunft von Stücken zu klären. Auch das - von Mathias Tietke nebenbei als „anachronistisches Panoptikum“ geschmähte - Riemer-Geschoss bleibt also möglicherweise nicht so, wie es sich derzeit präsentiert.

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Onlineausgabe der Mitteldeutschen Zeitung unter https://www.mz-web.de/wittenberg/stadtmuseum-wittenberg-julius-riemer--der-nazifreund--31825826?dmcid=sm_fb&fbclid=IwAR13Vbk43jVgQmMCCRxd9cMLy9zhHQ8OwUJd3pPoCETGJMvI5QVgLZmdmck..

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"75" Prozent Riemer

Eröffnung - Museum stößt auf Wohlgefallen

Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 24.12.2018 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

Dies ist ein Haus für Entdecker. Für Wiederentdecker und Neuentdecker. Ein„wissenschaftliches Schaumagazin“ nennt der Berliner Ethnologe Nils Seethaler das, was der Wittenberger Öffentlichkeit seit Freitagabend direkt unter dem Dach des Zeughauses geboten wird. Seethaler, Mitglied im Freundeskreis Julius-Riemer- Sammlung, hat die zentralen Begleittexte entworfen zu den insgesamt rund 1 500 Exponaten von Riemer, welche, wie er zufrieden feststellt, rund „75 Prozent“ des neuen Wittenberger Stadtmuseums ausmachen. Beziehungsweise eine ganze Etage. Dort traten sich die Neugierigen zur Eröffnung fast auf die Füße - während zeitgleich im Stockwerk darunter noch bis zur letzten Minute Hand an die Stadtgeschichte gelegt wurde. Bis Mitternacht stand das ganze Haus allen Interessierten bei freiem Eintritt offen. Viele Hunderte, gezählt hat sie niemand, nutzten diese Gelegenheit, auch Familien mit Kindern, die zur Feier des Tages ausnahmsweise länger aufbleiben durften.

Schon Zukunft im Blick

Seit rund zehn Jahren, seit dem Auszug des Riemer-Museums aus dem Schloss 2008, hatten die Wittenberger ohne Museum auskommen müssen. Es gab Zank, Umplanungen und Interims, über die jetzt freilich niemand mehr sprechen möchte. Was zählt, ist der Erfolg. Und als Erfolg wird das Museum, wie es sich nun präsentiert, allseits gewertet. Das gilt für die streitbaren Riemer-Freunde, allen voran der Vorsitzende dieses Fördervereins, Michael Solf, der bereits laut über eine Weiterentwicklung der Ausstellungen nachdenkt, wie auch für den Ministerpräsidenten des Landes, der als Wittenberger am Eröffnungsabend natürlich ebenfalls dabei war, auch um, wie er mit Blick auf die attraktiv gestalteten Primaten- Vitrinen launig sagte, sich erneut „mit meinen Affenfreunden zu verbrüdern“ - auch ein Reiner Haseloff vergleicht das alte und das neue Museum. „643 502“ Euro an Fördermitteln habe das Land ins neue Wittenberger Ausstellungshaus gesteckt, ein „würdigerOrt“, wie Haseloff findet, und„Schlussstein der Reformationsdekade“. Es ist noch nicht alles perfekt zur Eröffnung. Riemers Karussell leuchtet zwar schon,
aber es fehlt noch der Baldachin, dito hier und an anderen Orten die fest installierten Medienstationen, die inmitten der Exponatfülle insbesondere im Riemer-Geschoss Orientierung bieten sollen. Beschriftungen finden sich nämlich nicht an den großen wohnzimmerschrankähnlichen Vitrinen, die vor natur- bzw. völkerkundlichen Objekten teils geradezu überquellen. Ob hier beispielsweise Handzettel Abhilfe schaffen können, wie der Riemer-Verein anregt und wie man es auch aus manchen anderen Museen kennt, oder ob ein Führer herausgegeben wird, anhand dessen man seinen Rundgang absolvieren kann, wie der Leiter der Städtischen Sammlungen Andres Wurda auf MZ-Anfrage in Aussicht stellte, bleibt abzuwarten.

Geschichte zum Anfassen

In der stadtgeschichtlichen Abteilung, also der ersten Etage, ist dies ohnehin kein Thema. In hellem und übersichtlichem Ambiente sind hier die Schaustücke angeordnet, man bewegt sich entlang so genannter Vitrinenbänder, zumeist flache Guckkästen. Hoch über den einzelnen Themenbereichen prangt jeweils dezente Leuchtreklame, es geht um die „Chemiestadt“, die„Churstadt“, die „Preussenstadt“ und um die „Lutherstadt“ natürlich auch. „Meine Stadt“ gibt es hier ebenso, dieser - leere - Bereich lädt freilich nicht zur Meditationüber eigene Vorstellungen zu Wittenberg ein sondern soll noch gefüllt werden, insbesondere mit Informationen zur Stadtentwicklung nach 1990. (Wie Stadtentwicklung um 1969 aussah, kann man sich bereits ansehen - und sich durchaus gruseln: In der Altstadt waren Hochhäuser vorgesehen.) Einige der robusteren Ausstellungsgegenstände, etwa eine ausrangierte Spitze des Lutherdenkmals, stecken übrigens nicht hinter Glas, sondern laden fast zum Anfassen ein.

Urenkelin von Riemer

Zu den Gästen der Museumseröffnung am Freitag zählte auch eine veritable Nachfahrin des Sammlers Julius Riemer: Aus Berlin war Urenkelin Christina Riemer angereist. Die Eröffnung habe sie„sehr berührt“, sagte Riemer der MZ. „Unerwartet schön“ nannte sie die Ausstellung und bezog dabei die Architektur des Obergeschosses ein. Dass es sich angesichts der riesigen Sammlung um eine „Kompromisslösung“ handele, verstehe sich. Christina Riemer, Jahrgang 1967, hat ihren Urgroßvater selbst nicht gekannt; der starb lange vor ihrer Geburt, 1958. Doch sei sie gleich 1990, also kurz nach dem Mauerfall, mit ihrem Vater nach Wittenberg gereist, um sich das Riemermuseum anzusehen. Dass es viele Jahre später, als sie es dann ihrem eigenen Sohn zeigen wollte, nicht mehr da war, ist einer
der Gründe, warum sie am Freitag in Wittenberg war - damals habe sie Renate Gruber- Lieblich vom Freundeskreis kennengelernt. Christina Riemer hat selbst mit Museen nichts zu tun. Ausgebildet in Tanz und Gesang, arbeitet sie heute im Büro des Schlosspark-Theaters von Dieter Hallervorden.

Nora will mit Klasse kommen

Spannend für Kinder ist so ein Museum allemal. „Ich interessiere mich für Münzen und Vögel“, sagte etwa die elfjährige Nora Pabst der MZ. In beiden Fällen kommt sie im Zeughaus auf ihre Kosten - und überlegt schon mal, ob das nicht auch ein schönes Ziel für den nächsten Klassenausflug ist. Auch Tasnim, Achtklässlerin aus Friedrichstadt, könnte sich das gut vorstellen. Die 15-jährige Syrerin war mit Eltern im Museum, eingeladen von einer deutschen Freundin der Familie, Ingrid Schmerler. Besonderen Erklärungsbedarf haben Kinder bei den Mumien, aber auch beim als Papierkorb benutzten Elefantenfuß. Hier müssen die Eltern ran.

Geöffnet ab 25. Dezember

Als ein Weihnachtsgeschenk für die Wittenberger hat Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) das Museum bezeichnet. Da ist es nur folgerichtig, dass das Haus über Weihnachten auch geöffnet ist, und zwar am 25. und 26. Dezember, 14 bis 17 Uhr. Vom 27. Dezember bis 6. Januar ist von 9 bis 17 Uhr geöffnet; geschlossen bleibt nur Silvester und Neujahr. Es gelten die bisherigen Eintrittspreise. Gelöst ist übrigens das Preisrätsel: Gewonnen haben Bernd Müller und Hans-Peter Noack aus Wittenberg, die beide zur Eröffnung da waren, sowie Gisela Seiler aus Gräfenhainichen. Das zu erratende Foto zeigt übrigens eine spezielle Lampe für Handwerker, eine „Schusterkugel“. Weil sie in ihrer Zuschrift so charmant auf Nichtwissen („harte Nuss“) und also besonderen Lernbedarf plädierte, bekommt auch Mandy Grabo eine Monatskarte, als „Sonderpreis“ (Zugehör).

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Online-Version der Mitteldeutschen Zeitung unter https://www.mz-web.de/wittenberg/stadtmuseum-in-wittenberg-julius-riemers--welt-ist-eroeffnet-31788730 und die ebendort veröffntlichten Fotos unter https://www.mz-web.de/wittenberg/bilder/in-bildern-wittenberger-stroemen-in-ihr-neues-stadtmuseum-31782974, die leider nicht mit den Fotos der Druckausgabe übereinstimmen.

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Stadtmuseum im Zeughaus - Und es bewegt sich doch bei Riemer-Sammlung

Unter dieser Überschrift veröffentlichte Mitteldeutsche Zeitung am 19.12.2018 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

Wittenberg - Das also ist das „Karussell“. Drei Tage vor der Eröffnung des neuen Wittenberger Stadtmuseums strapaziert das künftige Herzstück von „Riemers Welt“ noch ein wenig das Vorstellungsvermögen des Betrachters. Aber das wird noch, verspricht Jan Wünsche von der Agentur Kocmoc, die das Museum konzipiert hat: Baldachin, bunte Lämpchen - dem gezimmerten Rund in Anthrazit und Weiß wird es an nichts fehlen, was ans späte 19. Jahrhundert und dessen Exotenausstellungen erinnern soll, Teil der Lebenszeit des Sammlers Julius Riemer (1880 bis 1958).

Jeweils ein natur- und ein völkerkundliches Objekt sollen auf dem Karussell einander gegenübergestellt werden und gemeinsam eine Geschichte erzählen, die riesige Schmuckmuschel wird etwa eine Rolle spielen, wohl auch der Elefantenfuß (der zum Papierkorb wurde) und Riemer selbst, als Bronzeplastik.

Vom ursprünglichen Plan, diese Objekte sich selbst drehen zu lassen, habe man zwar Abstand genommen, berichtet Andreas Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen; die Objekte, so habe man befürchtet, könnten Schaden nehmen.

Aber es bewegt sich doch, das Karussell, jedenfalls sein oberer Teil - sobald der Motor eingetroffen und eingebaut sein wird, was allerdings erst im Januar geschehen soll. Beeindruckend wird es sicher trotzdem schon jetzt, dies jedenfalls legen allein schon die raffiniert beleuchteten Vitrinen nahe, links die naturkundlichen, rechts die ethnologischen Sammlerstücke. Und über allem, in einer Ecke, ein riesiger Geier.

Das Museum wird an diesem Freitag um 18 Uhr eröffnet. Bis Mitternacht haben Wittenberger und Gäste an diesem Abend bei freiem Eintritt die Gelegenheit, sich die beiden neuen Ausstellungsetagen „Riemers Welt“ und „Streifzüge durch die Wittenberger Geschichte“ anzusehen und natürlich auch den bis dahin wiedereingerichteten ältesten Teil der Dauerausstellung, die „Kronjuwelen“ im Erdgeschoss.

Zur Eröffnung werden auch Führungen durch das Museum angeboten. Außerdem hält zum Auftakt, gleich nach der Begrüßungsrede des Oberbürgermeisters, der Ethnologe Nils Seethaler einen Vortrag. Der Berliner ist den Wittenberger Riemer-Freunden eng verbunden. Zu Beginn und später noch einmal musiziert die Wittenberger Hofkapelle.

Am heutigen Mittwoch ist übrigens Einsendeschluss für das Bilderrätsel, zu dessen Lösung die Stadt am Samstag anlässlich der Eröffnung aufgerufen hatte. Die Teilnahme sei sehr rege, hieß es bereits zu Wochenbeginn. Den Gewinnern winken eine Jahres- bzw. Monatskarten für das nun endlich fertiggestellte Haus.

Wer die Eröffnung am Freitag verpasst, muss sich nicht grämen: Auch am Samstag, 22. Dezember, sowie an den beiden Weihnachtsfeiertagen wird das Museum geöffnet sein: am 22. von 9 bis 17, am 25. und 26. Dezember erst ab 14 Uhr. Sonntagsruhe herrscht indes dann nach dem anstrengenden Eröffnungstag, am 23. Dezember. Bis auf weiteres gelten mangels neuer Satzung die alten Eintrittspreise: regulär zwei Euro für Erwachsene, Kinder zahlen 25 (drei bis sechs Jahre) bzw. 50 Cent (sechs bis 14 Jahre). (mz)

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Onlineausgabe der Mitteldeutschen Zeitung unter https://www.mz-web.de/wittenberg/stadtmuseum-im-zeughaus-und-es-bewegt-sich-doch-bei-riemer-sammlung-31767184.

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Nachts ins Museum

Wiedereröffnung Städtische Sammlungen und Riemers Welt

Unter dieser Überschrift veröffentlichte der Wochenspiegel am 12.12.2018 folgenden Artikel von Antje Weiss:

Andreas Wurda präsentiert die 2. Etage

Bei freiem Eintritt eröffnet am 21. Dezember das Zeughaus mit allen Etagen.

Unter dem Motto „Nachts im Museum" lädt die Stadt am 21. Dezember von 18 bis 0 Uhr in das Zeughaus am Arsenalplatz ein. Zur Eröffnung sprechen Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) und der Berliner Ethnologe Nils See-thaler vom Freundeskreis Julius-Riemer-Sammlung. Für die musikalische Umrahmung sorgt die „Wittenberger Hofkapelle". Ganz fertig ist das Museum am Eröffnungstag noch nicht. Ein Raum für die Museumspädagogik wird An-fang 2019 eröffnet.

„Damit finde ein langer, seit 2010 begonnener Weg, seinen Abschluss", freut sich OB Zugehör. Immer wieder mussten im Laufe der Jahre Anpassungen bei der Konzeption vorgenommen werden, für die die Leipziger Agentur Kocmoc verantwortlich ist. Zwei Veränderungen sind die Ausweitung der Sonderausstellungsfläche im Erdgeschoss sowie die Präsentation der Sammlung von Julius Riemer. „Die Besucher dürfen gespannt sein, es wird, dem heutigen Standard entsprechend, museumspädagogische Angebote geben", kündigt Zugehör an. „Alle drei Etagen des Museums funktionieren völlig unabhängig voneinander", erwähnt Jan Wünsche von der Agentur Kocmoc. Das neue Stadtmuseum soll kein Natur- oder Völkerkundemuseum sein. Das Erdgeschoss mit dem Stadtmodell und den „Kronjuwelen" solle die Besucher anfüttern. Die Stadtgeschichte im 1. Obergeschoss präsentiert sich chronologisch und in verschiedenen Themenbereichen. Ausgestellt sind circa Inka-Mumien400 Exponate auf 1.500 Quadratmetern. Zu sehen sein werden neue Exponate wie das Giftbuch der Cranach-Apotheke, die Originalschlösser des Cranachhauses in der Schlossstraße sowie eine restaurierte Madonna, die zum alten Stadtkirchenaltar gehörte, der durch den Reformationsaltar aus der Cranach-Werkstatt ersetzt wurde. Ge-zeigt wird auch ein Modell der historischen Elbbrücke und eine Schachtel Gebäck von Wikana aus den 1970er Jahren.

Riemers Welt

Im zweiten Obergeschoss wird die Sammlung von Julius Riemer aufgebaut. Im hinteren Teil befinden sich Riemers Schreibtisch und seine Originalvitrinen. In den übrigen Vitrinen sind über 1.500 Ex-ponate aus der ethnologischen und naturkundlichen Sammlung von Riemer ausgestellt. „In Riemers Welt zeigen wir ausschließlich Exponate aus seiner Sammlung, keine später dazu gekommenen Leihgaben", erklärt An-dreas Wurda, Leiter des Museums.

Es gibt auch viele Exponate, die zuvor nie zu sehen waren und viele Publikumsmagneten, wie die altägyptische Mumie, die echten „Inka Mumien" und ein Imitat von einem Schrumpfkopf, der die ehemals drei echten Schrumpfköpfe ersetzt.

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Stadtmuseum im Zeughaus - Bald wird eröffnet!

Unter dieser Überschrift veröffentlichte Mitteldeutsche Zeitung am 09.12.2018 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

Wittenberg - Dies ist kein Naturkundemuseum und es will auch keine völkerkundliches sein. Das Wittenberger Zeughaus, das am 21. Dezember als Weihnachtsgeschenk an Einwohner und Gäste eröffnet wird, versteht sich als ein Ort, der mit Stadtgeschichte vertraut macht und auf diese Weise auch identitätsstiftend wirkend möchte. Zur Stadtgeschichte gehört Julius Riemer (1880 bis 1958), der große Sammler, nach dem einst das Museum im Schloss benannt war.

Und deshalb sind jetzt auch die Affen wieder da, eine ganze Vitrine voll empfangen sie den Besucher gleich am Eingang im zweiten Obergeschoss, das sämtlich „Riemers Welt“ vorbehalten ist.

Etwa 1500 Objekte, darunter zahlreiche Stücke, „die niemals zuvor ausgestellt waren“, bekommen die Besucher allein hier zu Gesicht, verspricht Andreas Wurda, der Leiter der Städtischen Sammlungen. Aber natürlich auch Altbewährtes wie den prächtigen Sarkophag mit der ägyptischen Mumie.

Der Sammler in seiner Zeit

Die „Geschichte“, die die Stadt Wittenberg hier mit Hilfe der Leipziger Agentur „Kocmoc“ erzählen möchte, ist der Sammler in seiner Zeit. Riemer, umgeben von großen dunklen, historisch anmutenden Vitrinenschränken, Riemer beim Auspacken von groben Kisten mit Neuzugängen, dies ist die Atmosphäre, die in diesem Obergeschoss geschaffen wird.

„Diese Idee wird tragen“, zeigte sich Kocmoc-Mitarbeiter Jan Wünsche am Freitag bei einer Vorbesichtigung für die Presse zuversichtlich. Seit vielen Jahren begleitet der Museologe mit seinen Kollegen die Entstehung des Museums, die ungleich länger ausfällt als bei vergleichbaren Projekten, insbesondere wegen der Zwangspausen durch Zwischennutzer des Gebäudes.

Im ersten Obergeschoss, das zu „Streifzügen durch die Stadtgeschichte“ von der Nacheiszeit bis heute einladen will, braucht man noch deutlich mehr Fantasie um zu glauben, dass all dies binnen der verbleibenden zwei Wochen bis zur Eröffnung im Wesentlichen tatsächlich fertiggestellt sein soll. Handwerker werkeln eifrig an den hellen, flachen Vitrinenbändern, die, geordnet nach Themenbereichen, etwa 400 Exponate beherbergen werden.

Ein komplett anderer Eindruck als im heimeligen Dachgeschoss. „Der Raum wird erkennbar bleiben“ als solcher, erläutert Wünsche die komplette Abwesenheit von Trennwänden.

Nashorn mit Riss

Über zweieinhalb Jahre hinweg, so Museumschef Wurda, sind die für die Ausstellungen bestimmten Stücke entsprechend restauriert worden. Ganz abgeschlossen ist dieser Prozess noch nicht, wie beispielsweise ein kleines Nashorn zeigt, das im Erdgeschoss herum- und damit noch nicht am vorgesehenen Platz steht, gleich neben einer komplexen Mausefalle aus der Zeit um 1700 und Original-Schlössern aus dem Cranach-Haus Schloss-Straße 1 und Dutzenden weiteren Exponaten, die in den nächsten Tagen noch plaziert werden sollen.

Das Nashorn, frühes 20. Jahrhundert, hat einen Riss, der Präparator müsse es erst noch „ausstellungsfit“ machen, so Wurda. Das graue Tierchen zeigt auch eines sehr deutlich: Über die naturkundlichen Stücke ist die Geschichte ebenfalls hinweggegangen, es hat sie historisiert.

Ob dieser Freibrief des „Es war einmal“, diese in Anspruch genommene Zeitzeugenschaft auch für tote Menschen gelten darf? Der Schrumpfkopf ist, gottlob, ein Imitat. Doch die „Inka-Mumien“, sie sind nach wie vor echt. (mz)

Nachts im Museum

Am Eröffnungstag bietet das neue Museum freien Eintritt und abendliche Öffnungszeiten von 18 Uhr bis Mitternacht. Die Wittenberger Hofkapelle macht Musik und die Mitarbeiter der Städtischen Sammlungen stehen für Informationen und spontane kleine Führungen bereit. Der Berliner Ethnologe Nils Seethaler, Mitglied des Riemer-Freundeskreises, wird einen Vortrag halten. Rundum fertig wird das Haus zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht sein. Dies gilt etwa für die Museumspädagogik im zweiten Obergeschoss, der Raum soll Anfang 2019 fertig werden. Auf Audioguides wird komplett verzichtet, es wird aber Hör- und Medienstationen direkt an Vitrinen geben, etwa am „Karussell“ in „Riemers Welt“.

PS: da wir aus urheberrechtlichen Gründen an dieser Stelle die Fotos des Pressebeitrages nicht veröffentlichen dürfen, verweisen wir auf die Onlineausgabe der Mitteldeutschen Zeitung unterhttps://www.mz-web.de/wittenberg/stadtmuseum-im-zeughaus-bald-wird-eroeffnet--31710998

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Zweiter Workshop zur Riemer-Sammlung

Unter dieser überschrift veröffentlichte das Stadtmagazin INGO im Februar 2015 folgenden Artikel:

Vom Freundeskreis der Riemer-Sammlung erhielten wir diese beiden Informationen.

Im November 2014 hatte der Freundeskreis der Riemer-Sammlung gemeinsam mit den Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen zu einem bereits länger geplanten zweiten Workshop zu den Perspektiven der Riemer-Sammlung für Ausstellung, Forschung und Bildung geladen, um zwei Jahre nach einem erfolgreichen ersten Workshop eine Bilanz der bisherigen Diskussionen und Planungen um die Sammlung zu ziehen. Geladen waren neben Vertretern von Stadt und Stadtrat Fachleute aus Museen mit ethnologischem oder naturkundlichem Schwerpunkt sowie Vertreter benachbarter Wittenberger Vereine.

Von vielen Teilnehmern wurde kritisiert, dass die kommende Ausstellung der ethnologischen und naturkundlichen Sammlungen im Zeughaus in Angriff genommen wurde, ohne sich vorher einen wirklichen überblick über die Bestände zu machen. In diesem Zusammenhang wurde die Notwendigkeit einer Inventur der Sammlung betont, zumal in den Städtischen Sammlungen selbst, wie sich herausstellte, die auch nur ungefähre Größe der Bestände nicht bekannt ist. Darüber hinaus wird die Ausstellung bis heute nahezu ohne Beteiligung von Fachleuten aus Natur- und Völkerkunde geplant: Obwohl der Etat der Städtischen Sammlungen (mit Ratsarchiv) höher ist als der mancher und selbst großer Fachmuseen, ist es bisher nicht dazu gekommen, dort auch nur einen einzigen wissenschaftlichen Mitarbeiter zu beschäftigen.

Lobi-StatueDie Verwendunq weniqstens eines Bruchteils der vorhandenen, erheblichen Personalmittel zur Beschäftigung wissenschaftlicher Mitarbeiter gehört zu den alten Forderungen des Freundeskreises.

Das Nebeneinander naturkundlicher und ethnologischer Sammlungen - mit der einzigen völkerkundlichen Ausstellung in ganz Sachsen-Anhalt (!) - bietet die Möglichkeit, die Darstellung globaler Prozesse von Klima- und Kulturwandel, dem Verschwinden von Arten und Kulturen und von Hybridisierungsprozessen in den Zusammenhang des in der Region in einzigartiger Dichte vertretenen Weltkulturerbes einzubetten und das Attraktivitätspotential der Stadt durch interdisziplinäre Perspektiven, etwa durch Berücksichtigung des ethnologischen Themas "Weltreligionen" am Geburtsort der Reformation zu erhöhen.

Das an dieser Stelle inhaltlich bisher nur bruchstückhaft ausgeführte Drehbuch ließe bis zur tatsächlichen Realisierung der Ausstellung noch Zeit und Raum für eine angemessene Anpassung des Gesamtkonzeptes: Aus Sicht des Freundeskreises genügt es nicht, einen Teil der Sammlung im Wesentlichen unbetreut als "Wunderkammer" und "Kuriositätenkabinett" zu präsentieren. Die lebhafte und konstruktive Diskussion zu verschiedenen Aspekten der Sammlung und zur Frage, was die Sammlung für Wittenberg sein kann und soll, hat vor allem ein wichtiges Ergebnis erbracht: In den wesentlichen Fragen denken und argumentieren hier fast alle Seiten in eine ähnliche Richtung. Dieses Ergebnis muss nun für eine wiederbelebte Sammlung, die Ausstellung, Bildung und Forschung verbindet, fruchtbar gemacht werden.

Westafrikanische Skulpturen für die Riemer-Sammlung

Lobi-StatueAuf Vermittlung des Freundeskreises der Riemer-Sammlung könnten bald 40 Statuen von Schnitzern der westafrikanischen Lobi aus einer Berliner Privatsammlung die ethnologische Sammlung der Stadt bereichern.

Die Kunstwerke würden deren afrikanistische Abteilung hervorragend ergänzen und aufwerten: Sie repräsentieren einen beträchtlichen ideellen und materiellen Wert und verbinden sich in großartiger Weise mit einem möglichen Schwerpunkt der ethnologischen Sammlung zu den Weltreligionen, einem Schwerpunkt, der in der Rahmenvereinbarung zwischen der Stadt und den Organisatoren des Reformationsjubiläums eine wichtige Rolle spielt und bei dessen Ausgestaltung die hiesige ethnologische Sammlung einen bedeutenden Beitrag liefern könnte. Der Freundeskreish hofft im übrigen, dass die überlassung der Skulpturen mit einer Sonderausstellung in den nächsten Jahren verbunden werden kann, für die bereits weitere wertvolle Exponate zugesagt wurden. (Fotos:privat)


Ab ins Museum

STADTGESPRäCH: Agentur Kocmoc präsentiert Ausstellungsgestaltung.

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 09.10.2014 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ -Die Präsentation der Hülle verläuft glatt und zügig und stößt auf Wohlgefallen. Keine halbe Stunde braucht Jan Wünsche von der Leipziger Agentur Kocmoc, um den Wittenbergern darzulegen, wie ihr Stadtmuseum aussehen wird. Unerwartet mau ist aber die Resonanz auf dieses "Stadtgespräch", keine 50 sind am Dienstag zur Infoveranstaltung der Stadt ins Alte Rathaus gekommen - was damit zu tun haben mag, dass der Entwurf parallel im Internet steht.

Die goldenen 18

Wünsches virtueller Rundgang durchs Zeughaus beginnt im Erdgeschoss, das, als erster Ausstellungsbereich, in diesem Jahr eröffnet werden soll. Hier werden die 18 "Kronjuwelen" in so bezifferten und von oben "golden" beleuchteten Vitrinen präsentiert. Eine Trennung zwischen Kassenbereich und Ausstellung soll es nicht geben. Abgetrennt werde aber die Sonderausstellungsfläche. Eine Vitrine ist "Dem besonderen Objekt" vorbehalten, das wechselt und etwa auf eine Sonderschau hinweisen kann.

Das erste Obergeschoss ist, unterteilt in 32 Themenbereiche, der Stadtgeschichte vorbehalten. Mehr als 400 Exponate verdeutlichen hier die Entwicklung Wittenbergs bis heute. Gewagt wird Wünsche zufolge auch ein Ausblick: In einer wechselnden Projektion "2020" sollen Porträtfotos von Wittenbergern übereinandergelegt an die Wand geworfen werden, flankierend werden Bürger nach ihren Zukunftswünschen befragt. Ist die Einrichtung hier eher sachlich, prägen demgegenüber "Fülle und Schönheit" (Wünsche) das zweite Obergeschoss mit Sammler und Sammlung Julius Riemer. 30 "Leitexponate" - beispielsweise ein in einer liegenden Vitrine präsentiertes Krokodil - sind die Hingucker in diesem Ausstellungsteil. Wandvitrinen bündeln Exponate, die in der Masse besonders wirken. Im "Karussell" verzahnen sich die beiden Ausstellungsbereiche Naturkunde und Ethnologie zwecks höherem Erkenntnisgewinn. Schwerpunkte sind Afrika und Ozeanien.

95 Prozent der Exponate stünden inzwischen fest, heißt es seitens der Verantwortlichen. Die anschließende Diskussion beißt sich trotzdem auch an Details fest. Einer stört sich am Begriff "Besatzungsherrschaft" für die Sowjet-Zeit, ein anderer findet "Kronjuwelen" als Name der stadtgeschichtlich besonders wichtigen Objekte "grundsätzlich falsch". Thomas Glaubig, Stadtführer, vermisst bestimmte technische Exponate, ein anderer Zuhörer ein Drittel des Stadtmodells, das in der Tat gen Osten unvollendet ist, aber im Zentrum der "Kronjuwelen" steht. Christel Panzig, Leiterin des "Hauses der Geschichte", moniert die Darstellung der Garnisonsgeschichte. Die Stadtverwaltung hat viel zu notieren, die Fragen würden schriftlich beantwortet, sagt Sprecherin und Moderatorin Karina Austermann.

Politiker vermissen Infos

Grundsätzlich nicht genug über die Inhalte informiert zeigen sich die Stadträte Frank Scheurell (CDU) und Horst Dübner (Linke), der Vorsitzende des Kulturausschusses, sowie der von Anbeginn kritische "Freundeskreis Julius Riemer". Es entspinnt sich ein Hin und Her über die alte Frage, wer wann (nicht) einbezogen war in die Konzeption. Die Stadträte hatten ihr Ja im Januar verknüpft mit der Auflage, dass "regionale Akteure" einbezogen würden. Dies steht offenbar erst bevor. Nach dem 20. Oktober werde es eine "Abwägung" geben, was noch ins Konzept einfließen könne, ohne es zu "zerstören", so Austermann. Der Leipziger Historiker Stefan Paul-Jacobs, der in der Ausstellung vorrangig für die Jahre 1919 bis 1989 zuständig ist, verwahrte sich gegen Kritik, die Ausstellung wäre "im stillen Kämmerlein" ersonnen worden, und verwies auf die Begleitung durch den wissenschaftlichen Beirat.

BüRGERBETEILIGUNG: Hat jemand noch Anregungen?

Bis zum 20. Oktober können Bürger Anmerkungen zum Stadtmuseum machen. Bis dahin findet sich der Entwurf der Agentur Kocmoc auf der Homepage der Stadt (www.wittenberg.de/Aktuelles). Hinweise nimmt Stadt-Sprecherin Karina Austermann entgegen, Tel. 03491/42 12 16, Fax -37, karina. austermann@wittenberg.de.

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Stadtmuseum öffnet später - aber noch 2014

ZEUGHAUS Oktober-Termin lässt sich nicht halten. Stadt bittet zum "Stadtgespräch".

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 04.10.2014 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - Mit der Eröffnung des neuen Stadtmuseums im Zeughaus wird es nun doch nichts mehr bis zum Reformationsfest. Dies erklärte jetzt die Stadtverwaltung auf Anfrage der MZ. Gründe für die neuerliche Verschiebung wurden nicht genannt. "Noch Ende des Jahres soll die unterste Etage mit ihren Kronjuwelen ihre Pforte für die Besucher öffnen", heißt es nun vielmehr hoffnungsfroh in einer aktuellen Mitteilung. Und/Aber: "Die Vorbereitungen (...) sind in vollem Gange." Noch im Juli war man im Rathaus öffentlich davon ausgegangen, dass der Ausstellungsteil im Erdgeschoss - und nur um diesen geht es hier zunächst - "spätestens zum Reformationstag" eröffnet sein werde, wie Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) damals der MZ sagte.
Ein konkreter Eröffnungstermin könne gegenwärtig noch nicht genannt werden, so Stadt-Sprecherin Karina Austermann. Praktische (Umbau- und Einrichtungs-)Arbeiten vor Ort liefen derzeit noch nicht, räumte sie mit Blick auf die staubige Stille in dem seit vielen Monaten geschlossenen Ausstellungshaus ein, es seien inzwischen aber "alle Aufgaben ausgeschrieben " und man warte nun auf die Rückmeldungen. Im Erdgeschoss sollen bekanntlich die "Kronjuwelen", 18 für die Stadt besonders wichtige und/oder interessante Exponate, präsentiert werden, darunter auch das Stadtmodell, das künftig medial "begehbar" sein wird; hierfür hatten zuletzt so genannte Kamerafahrten durch die Anlage stattgefunden.
Unterdessen geht die Verwaltung jetzt mit den Detailplanungen für die beiden Obergeschosse des Zeughauses an die öffentlichkeit. Am kommenden Dienstag, 7. Oktober, sind diese künftigen Museumsbereiche, die derzeit noch vom Predigerseminar belegt werden (siehe "Schluss am Schloss") Gegenstand der Informations- und Dialogreihe "Stadtgespräch" (18 Uhr, Altes Rathaus). Erwartet wird hierzu erneut Jan Wünsche von der Leipziger Agentur Kocmoc.net, die die Ausstellungsbereiche auf allen drei Ebenen, also auch den der "Kronjuwelen" im Erdgeschoss, der als erster fertig werden soll, nach den Vorstellungen der Wittenberger plant. Im ersten Obergeschoss soll, unterteilt in verschiedene Themenbereiche, die Stadtgeschichte ihren Platz finden. Das zweite Obergeschoss gehört dem Sammler und der Sammlung Julius Riemer, mit einem beleuchteten und sich drehenden "Karussell" aus völkerkundlichen und ethnologischen Exponaten als optischem Höhepunkt (die MZ berichtete mehrfach). Diese beiden Etagen werden nicht vor 2016 fertig sein.
Interessierte Bürger sind dazu aufgerufen, ihre Meinung oder auch Anfragen zu den Entwürfen für das erste und zweite Obergeschoss kundzutun. Die Stadtverwaltung folgt damit einer der Auflagen der politischen Gremien, die sich im Januar mit ihrem Ja zu den Museumsplänen schwergetan und unter anderem mehr Beteiligung lokaler Akteure gefordert hatten.

Die Unterlagen zum Mitreden ("Entwurf Städt. Sammlungen") finden sich hier: www.wittenberg.de/aktuelles.

Schluss am Schloss?

Die beiden Obergeschosse des Museums sind bis auf weiteres Ausweichquartier der Bibliothek des Predigerseminars. Das will im Herbst 2016 seine Arbeit im Schloss aufnehmen, welches derzeit saniert wird. "Wir gehen davon aus, dass das Schloss 2016 in Nutzung geht", sagte am Donnerstag auf Anfrage Stadt-Sprecherin Austermann. Ob es dort aktuell Bauverzögerungen gibt und welche Auswirkungen dies hätte, könne man zur Zeit nicht sagen, verweist die Stadt auf die nächste Sitzung der Projektgruppe Anfang November. "Der Südflügel ist im Plan", hieß es nur; der Neubau soll Mai 2016 fertig sein.

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Privates aus den Tagebüchern

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 10.02.2014 folgenden Artikel von Karina Blüthgen:

VORTRAG Renate Gruber-Lieblich hat dank eigenhändiger Aufzeichnungen ein recht gutes Bild von dem Menschen Julius Riemer bekommen.

WITTENBERG/MZ - Die erste Ehe von Julius Riemer ist nach wie vor ein großes Geheimnis für Renate Gruber-Lieblich. Trotz langer Forschung hat sie bisher nicht herausfinden können, wann genau Riemer geheiratet hat. Allerdings ist dank eines Tagebuches der Scheidungsgrund bekannt. "Julius hat ein Fräulein Anna geduzt und mit ihr getanzt", sagte Christina Daniela Riemer, Urenkelin des Mannes, den die Wittenberger als Sammler und Direktor des Museums mit seinen Schätzen in Erinnerung haben. Noch ist die Biografie von Riemer nicht geschrieben, aber was Renate Gruber-Lieblich in langer Recherche an verschiedenen Orten, dank Tagebüchern, Briefen und anderen Dokumenten, herausgefunden hat, zeichnet schon ein recht gutes Bild des 1958 gestorbenen Mannes.
Am Freitag stellte die Autorin Gruber-Lieblich im Malsaal des Cranachhauses vor etwa 70 Zuhörern ihr Material vor. Bekannt war, das Julius Riemer gemeinsam mit seinem Bruder Franz in Berlin eine Handschuhfabrik geerbt hatte. Diese wiederum versetzte ihn finanziell in die Lage, Expeditionen zu unterstützen, deren Teilnehmer ihm im Gegenzug Material für seine Sammlung mitbrachten. Weitgehend unbekannt waren bislang viele private Details aus dem Leben von Riemer. Renate Gruber-Lieblich hat in dieser Hinsicht auf die Hilfe der Riemerschen Nachfahren bauen können, neben der Urenkelin war am Freitag mit Renate Meiner auch eine Enkelin des Sammlers in Wittenberg. Von drei Ehen wurde berichtet, nach der Scheidung von Luzie heiratete Julius Riemer erneut, Hedwig Riemer starb 1945. Die letzte Ehe wurde 1948 mit seinem Patenkind Charlotte geschlossen und dauerte bis zum Tod Riemers.
Sehr in Einzelheiten hat Renate Gruber-Lieblich vom Verein "Freundeskreis Julius Riemer-Sammlung", der zu der Lesung eingeladen hatte, auch das Verhältnis des Mannes zu jüdischen Sammlern durchleuchtet. "Man ist unfair gegenüber Riemer, zu sagen, dass er sich an jüdischem Eigentum bereichert hat", kommentierte sie die Provenienzforschung zur Riemerschen Sammlung (siehe "Internationales..."). Obwohl es in der Nazi-Zeit fast unmöglich war, Kontakt zu halten ("Juden dürfen keine Briefe schreiben"), habe es Riemer geschafft, nicht nur Informationen zu bekommen, sondern auch Geld zu überweisen. Dafür gebe es Belege und Quittungen. So hatte er dem Ornithologen Oskar Neumann über dessen Wirtin mehrere Male Geld zukommen lassen. "Immer, wenn Riemer ein Stück von Neumanns Sammlung verkauft hatte, kriegte Martha Ehlers Geld."
"Ich bin überwältigt vom Einsatz des Vereins", meinte Christina Daniela Riemer, angetan von der Resonanz in Wittenberg. Sie habe nach dem Tod ihres Vaters ihrem Sohn das Museum von Julius Riemer zeigen wollen, "so wie mein Vater es mir gezeigt hat". Da waren die Räume im Schloss jedoch bereits geschlossen. "Je mehr ich erfahre, desto mehr Achtung habe ich vor der Lebensleistung dieses Mannes", meinte Michael Solf, Vorsitzender des Freundeskreises Julius Riemer. Noch immer sind die Recherchen von Renate Gruber-Lieblich nicht abgeschlossen. Bis zum Erscheinen der Biografie von Julius Riemer, schätzt sie, werde noch über ein Jahr vergehen.

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Einig beim Grundkonzept

Stadtrat macht Weg frei für das neue Stadtmuseum im Zeughaus

Unter dieser überschrift veröffentlichte der Super Sonntag am 26.01.2014 folgenden Artikel:

Gesprächsbedarf bei Details, Akteure aus der Stadt werden beteiligt.

Wittenberg (wg). "Die große Zustimmung zum Kern der Beschlussvorlage ist erfreulich, die Zeit der Irritationen damit - hoffentlich - zu Ende", resümierte Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) die lange Diskussion um die Neueinrichtung der Städtischen Sammlungen im Zeughaus. Dass die Stadt ein neues, mit Landesmitteln finanziertes Museum erhalte, sei keineswegs selbstverständlich; aus eigener Tasche hätte man dies nicht bezahlen können.

Der Kulturausschuss hatte die Vorlage auf Antrag der Fraktionen der Linken und der CDU zunächst nur in erster Lesung behandelt. Begründung: Man habe zu wenig Zeit gehabt, die umfangreichen Anlagen ausführlich zu lesen und in den Fraktionen zu besprechen. Deshalb war vor der Stadtratssitzung am Mittwoch eine außerordentliche Sitzung des Kulturausschusses notwendig geworden, um die zweite dort wurde die Beschlussvorlage einstimmig abgesegnet.

Andreas Wurda

Andreas Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen, und Teile des Ratsarchivs, die derzeit wie viele andere Exponate im ehemaligen Gesundheitsamt untergebracht sind. Foto: Wolfgang Gorsboth

Bürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) stellte die Faktenlage dar und begründete den Zeitdruck. Grundlage der Finanzierung sei der Fördermittelbescheid vom 27. August 2012, der indes nicht berücksichtige, dass zwischenzeitlich die wertvolle Bibliothek des Predigerseminars ins Zeughaus eingezogen sei - eine Interimslösung bis 2016, wenn das Predigerseminar die sanierten Räumlichkeiten im Schloss bezieht. Die Stadt habe am 30. Oktober 2013 einen Antrag an das Land gestellt, um den Fördermittelbescheid an die "veränderte Lebenswirklichkeit" anzupassen.

"Wir müssen die Fördermittel bis Ende 2016 abgerechnet haben, dies erfolgt jedoch in Jahresscheiben", erläuterte Zugehör. In 2014 müssen 287.000 Euro abfließen für Planungsleistungen und die Restaurierung ausgewählter Exponate. "Heute wird weder das Drehbuch der Ausstellung, noch die Liste der Exponate oder die Begleittexte beschlossen, sondern es geht um die Zustimmung zum Grundkonzept des neuen Stadtmuseums", betonte der Bürgermeister. Grundkonzept heißt: Ausstellung der "Kronjuwelen" im Erdgeschoss samt Sonderausstellungsfläche, Stadtgeschichte im ersten Obergeschoss und Präsentation der Sammlung Julius Riemer im Dachgeschoss samt Raum für Museumspädagogik. Bei den Vorberatungen in den Ausschüssen hatte sich gezeigt, dass bei den auszuwählenden Exponaten und deren Begleittexten noch Gesprächsbedarf bestehe - auch in der Stadtöffentlichkeit. "Das Museumskonzept ist gelungen, innovativ und spannend", befand Reinhard Krause (Freie Wähler), der dem wissenschaftlichen Beirat für die "wohltuende Begleitung" dankte. Das Konzept sei keineswegs starr, sondern unterliege stetem Wandel. Seine Fraktion sähe der Museumseröffnung mit Spannung entgegen.

"Wir sind ein ganzes Stück weitergekommen", meinte Frank Scheurell, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion. Perspektivisch brauche das Museum zusätzliches wissenschaftliches Personal. "Wir wollen den Reichtum unserer Stadt würdig präsentieren", betonte Bernhard Naumann (SPD). Die Stadtgeschichte anhand ausgewählter Exponate chronologisch darzustellen sei eine gute Idee. Auch sei die Sammlung Riemer anteilsmäßig sehr gut vertreten.

"Wir brauchten mehr Zeit, um Sachkunde in unsere Fraktion zu holen, denn wir sind weder Historiker noch Museologen", verteidigte Horst Dübner, Fraktionschef der Linken, den Informationsbedarf. Das Grundkonzept sei interessant und fände die volle Zustimmung der Fraktion. Am Ende (fast) überall zufriedene Gesichter und die weise Erkenntnis, dass das Verfahren auch schneller, weniger kontrovers und ohne verletzende Polemik hätte durchgeführt werden können. "Wir wollen es künftig gemeinsam besser machen", schlussfolgerte Dübner und der OB betonte: "Aus diesem Prozess lernen heißt, künftig konzentrierter bei der Sache zu bleiben und keine Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen."

Info

Die Beschlussvorlage zur "Neueinrichtung der Dauerausstellung des Museums der Städtischen Sammlungen im Zeughaus am Arsenalplatz" wurde einstimmig beschlossen. Als zusätzlicher Punkt wurde aufgenommen: "Der Oberbürgermeister wird beauftragt, langfristig ein Konzept für die Gestaltung der künftigen Depots und seiner Nutzung sowie Rahmenbedingungen für eine qualifizierte Museumspädagogik und die Gestaltung von Sonderausstellungen zu erarbeiten und dies dem Stadtrat zur Beschlussfassung vorzulegen."

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Zentrum im Wandel

ALTSTADT Museum, Parken, Handel: Stadtrat bringt Vorhaben auf den Weg.

Unter dieser überschrift veröffentlichte Mitteldeutsche Zeitung am 24.01.2014 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - Mit überwältigender Mehrheit hat der Stadtrat auf seiner ersten Sitzung im neuen Jahr drei Vorhaben auf den Weg gebracht, die, jedes auf seine Art, das Leben in der Altstadt verändern dürften. Beschlossen wurden das im Volksmund so genannte Parkraumkonzept, das "Integrierte Handlungskonzept ,Handelsplatz Wittenberg' " und die Dauerausstellung im Stadtmuseum. Den Entscheidungen gingen teils unsachliche, teils auch persönlich verletzende Wortmeldungen voraus.

Das Museum

Besonders um die Gestaltung der Dauerausstellung im Zeughaus war in den vergangenen Wochen heftig gerungen worden. Auf einer Sondersitzung des Kulturausschusses kurz vor der Ratssitzung hatten CDU und Linke gemeinsam einen Ergänzungsantrag zur Beschlussvorlage gestellt. Verlangt wurde unter anderem die Einbeziehung regionaler, geschichtlich interessierter Akteure bei der Umsetzung des Konzepts der Leipziger Agentur Kocmoc. Zudem wurde der Oberbürgermeister darin aufgefordert, ein "langfristiges Konzept für die Gestaltung des künftigen Depots (...) sowie Rahmenbedingungen für eine qualifizierte Museumspädagogik und die Gestaltung von Sonderausstellungen zu erarbeiten". Beide änderungen wurden, wie später auch einstimmig die gesamte Beschlussvorlage im Stadtrat, angenommen.

Damit kann das neue Museum bis 2016/2017 komplett eingerichtet werden, das Erdgeschoss mit den "Kronjuwelen" (18 besondere Exponate) soll wie berichtet schon in wenigen Monaten eröffnet werden. Nicht abschließend geklärt ist die Depot-Frage, wie Bürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) im Stadtrat einräumte: Die Räume in der Puschkinstraße sind nur befristet angemietet und vom Land bezahlt, langfristig wird das alte, eigens umgebaute Gesundheitsamt in der Wallstraße Depot bleiben. Mittel für Beratungen zur Museumspädagogik seien bereits vorgesehen, so Zugehör weiter. Themen für die Zukunft bleiben das von CDU-Fraktionschef Frank Scheurell geforderte "weitere Fachpersonal über Herrn Wurda hinaus" (Andreas Wurda ist der Leiter der Städtischen Sammlungen) und die weitere Provenienzforschung, für die Zugehör noch "mindestens zehn Jahre" veranschlagt.

Handel und Parken

Kultur ist freilich nicht alles. Um den Handel in der Altstadt zu stimulieren und den Leerstand zu minimieren hat die Stadt auf der Grundlage des Förderprogramms "Aktive Zentren" den "Handelsplatz Wittenberg" aus der Taufe gehoben. Knapp 400 000 Euro stehen in den nächsten Jahren insgesamt zur Verfügung. Instrumente sind eine Lenkungsgruppe, Mittel für eine Vernetzung und gemeinsames Marketing der Händler sowie ein "Gewerbeflächenmanagement", das Anbietern und Interessenten das Zusammenfinden erleichtert. Parteiübergreifend zeigten die Stadträte große Zustimmung, einige mochten sich rein rückwärtsgewandte Einlassungen trotzdem nicht verkneifen, andere schürten munter Untergangsängste.

Die Vorschläge der Verwaltung zum Parken hatten wie berichtet bereits im Bauausschuss einige änderungen erfahren. Vorgeschlagen wurde unter anderem eine Ausweitung der Parkplätze an der Halleschen Straße Richtung "Kindertreff" sowie eine Bewirtschaftung der Parkplätze im westlichen Teil der Mittelstraße und am Ost- Eingang der Collegienstraße. über die Erhöhung der Parkgebühren wird erst später entschieden.

ZITIERT

Orden und Theater

Das Museum erregte die Gemüter auch sprachlich:

"Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt." (Bürgermeister Zugehör zum Verlauf der mehrjährigen Debatte, frei nach J. Ringelnatz)

"Ich bin kein Museumsexperte, (aber) ich habe die ersten 28 Jahre in der DDR gelebt: Unsere Stadt hatte ein Theater in dieser Zeit." (Frank Scheurell über vermeintlich zu viele Orden im DDRTeil der Ausstellung)

"Für die CDU/Schluss!" (Anfang mit Versprecher und Ende der Rede von Bernhard Naumann (SPD)

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Einen Schritt weiter

STADTMUSEUM: Hauptausschuss spricht sich ohne Gegenstimmen für Konzept aus.

Unter dieser überschrift veröffentlichte Mitteldeutsche Zeitung am 18.01.2014 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - Geht doch! Ohne allzu viel Federlesens hat sich der Haupt- und Wirtschaftsausschuss des Stadtrates am Donnerstagabend für das Museumskonzept ausgesprochen. Damit kann die Beschlussvorlage über die Gestaltung der Dauerausstellung im neuen Stadtmuseum voraussichtlich am kommenden Mittwoch im Stadtrat abschließend behandelt werden. Voraussetzung hierfür ist wie berichtet allerdings noch ein vorheriges Votum des Kulturausschusses, der deshalb am 22. Januar unmittelbar vor der Ratssitzung zusammenkommt. Dieser Fachausschuss hatte es in der vergangenen Woche rundweg abgelehnt, über das Konzept zu beschließen - CDU und Linke hatten gemeinsam Zeitmangel geltend gemacht.

Das machten ihre Fraktionsvorsitzenden Frank Scheurell (CDU) und Horst Dübner (Linke) auch diesmal und enthielten sich als einzige in der Abstimmung - ihre Fraktionssitzungen fänden erst in der kommenden Woche statt und man wolle noch allen Mitgliedern Gelegenheit geben, sich zu äußern, und außerdem "tun wir alle gut daran, noch heimische Akteure zu befragen", wie es Scheurell formulierte. Heimische Akteure waren freilich auch an der Erarbeitung des Konzepts der Leipziger Agentur Kocmoc beteiligt, das der Wissenschaftliche Beirat Anfang Dezember für gut befunden hatte.

Lob für die Macher

Parteiübergreifend wie selten ergoss sich im Hauptausschuss Lob über Kocmoc-Mitarbeiter Jan Wünsche, der das Konzept auch hier vorstellte. "Sehr faszinierend" fand es Reinhard Krause von den Freien Wählern, "hervorragend" der Sozialdemokrat und Abtsdorfer Ortsbürgermeister Gerd Deeken, schlichtweg "wunderbar" der AdBVetreter Dieter Riedel. "Der Streit hat sich am Ende gelohnt", meinte Linke-Fraktionschef Dübner in seiner "persönlichen" Stellungnahme. Eine dreiviertel Stunde nahmen sich die Ausschussmitglieder insgesamt Zeit für Anmerkungen und Anregungen. Dabei kamen auch Dissonanzen im Detail zum Ausdruck. Dübner störte sich am Begriff "Eroberung" für das, was bei Kriegsende 1945 über Wittenberg kam, "Befreiung" wäre angemessen; Scheurell fand - aus der damaligen Zeit heraus betrachtet, wie er spezifizierte - "Eroberung" durchaus korrekt. Reinhard Lausch (Grüne) erklärte die Ausstellung einer Uniform des "Roten Frontkämpferbundes" unter den "Kronjuwelen" (18 für Wittenberg besonders aussagekräftige Stücke) im Erdgeschoss für deplatziert. Und die Ausstellungsmacher erklärten, wie zuvor schon Bürgermeister Torsten Zugehör (parteilos), dass andererseits die "Hand der Giftmischerin" dort nichts verloren habe, wohl aber im Obergeschoss, wo man das gruselige Exponat in einen Zusammenhang stellen könne und werde, wie Wünsche erläuterte: Aus ethischen Gründen habe man sich entschlossen, im Erdgeschoss keine menschlichen Teile auszustellen. Konsens bestand am Ende darin, dass die Ausstellung mit ihren rund 400 Exponaten nicht statisch sondern veränderbar sei und ihr Reiz im übrigen gerade darin bestehen werde, dass sie das Publikum zu Debatten herausfordere. Man wolle die Gestaltung der Schau weiter kritisch begleiten, hieß es seitens der Ausschussmitglieder, wohl wissend, dass sie alle keine "Museumspädagogen" sind.

Eröffnung im Sommer

Ab dem Sommer wird sich die öffentlichkeit vom Gelingen des Vorhabens überzeugen können: Der erste Teil, das Erdgeschoss mit den "Kronjuwelen", soll bis Ende Juni fertiggestellt sein, die beiden oberen Etagen - in denen sich gegenwärtig als Zwischenmieter die Bibliothek des Predigerseminars befindet - mit Stadtgeschichte bzw. Sammlung/Sammler Julius Riemer dann bis 2016. Bürgermeister Zugehör verteidigte (und entschuldigte) am Donnerstag einmal mehr die - fördermittelbedingte - Eile im Meinungsbildungsprozess. Die Linke befasst sich am Montag in ihrer öffentlichen Fraktionssitzung mit dem Museumskonzept (17 Uhr, Neues Rathaus, Raum "Göttingen").

Zwei Sitzungen

Am 22. Januar findet um 15 Uhr eine außerordentliche Sitzung des Kulturausschusses statt, einziges Thema ist das Museumskonzept (Altes Rathaus, Beratungsraum von "ConAct"). Nebenan im Großen Saal kommt am selben Nachmittag dann der Stadtrat zusammen. Auf der Tagesordnung stehen ab 16 Uhr neben der genannten "Neueinrichtung der Dauerausstellung des Museums der Städtischen Sammlungen im Zeughaus am Arsenalplatz" unter anderem die Bestellung der Arbeitnehmervertretung in den Betriebsausschuss des neuen Eigenbetriebes "Kommunale Bildungseinrichtungen Lutherstadt Wittenberg", für die es zwei Kandidatinnen gibt, das Thema Parken in der Stadt sowie die Initiative "Handelsplatz Wittenberg" zwecks Altstadt-Belebung.

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Frischer Wind in einem alten Gemäuer

Kronjuwelen, Stadtgeschichte und die Welt im Museum

Unter dieser überschrift veröffentlichte der Wochenspiegel am 15.01.2014 folgenden Artikel :

Kulturausschuss behandelte die Neueinrichtung des Stadtmuseums in erster Lesung.

Wittenberg (wg). "Der Abschied vom Schloss ist uns nicht leichtgefallen, der Weg seither war lang und führte nicht immer geradeaus", erklärte Bürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) zur Beschlussvorlage über die Neueinrichtung der Dauerausstellung des Museums der Städtischen Sammlungen im Zeughaus am Arsenalplatz. 2007 hatte der Stadtrat die Verwaltung mit der Prüfung beauftragt, ob das Zeughaus als Stadtmuseum überhaupt geeignet sei.

Stadtmuseum

Das Stadtmodell ist im Erdgeschoss des Zeughauses das zentrale Exponat. Foto: Archiv

Seitdem habe man sich bemüht, die Stadtöffentlichkeit in den Planungsprozess einzubeziehen. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt, um die "Kronjuwelen" der Stadt - besondere Exponate - zu ermitteln. Die Resonanz war bescheiden.

Gleichwohl bilden diese Kronjuwelen eine besondere Rolle im Erdgeschoss des Zeughauses. "Dort geben wir einen überblick in unterhaltsamer Form zur Stadtgeschichte", sagte Jan Wünsche, Ausstellungsplaner der Leipziger Agentur "Kocmoc.Net". Besucher, die mehr Zeit haben, finden dort auch Verweise auf Sehenswertes im ersten Obergeschoss, das die Stadtgeschichte ausführlich darstellt, sowie auf das Dachgeschoss, in dem sich die Sammlung von Julius Riemer befindet.

Kronjuwelen sind der Pratauer Münzfund, das Richtschwert, der Walfischknochen aus der Sammlung des Kurfürsten, die historische Amtskette des Bürgermeisters, die aus der Südsee stammende Häuptlingsfigur Uli, ein germanisches Waffengrab, eine Giraffe und der Amboss, auf dem 1983 im Lutherhof ein Schwert zu einer Pflugschar geschmiedet wurde. Hauptexponat im Erdgeschoss ist das Stadtmodell, das auf circa 30 Quadratmetern Wittenberg anno 1873 zeigt.

Das detailverliebte Modell vermittelt eine Vorstellung davon, wie das einst mächtige Festungswerk wirklich aussah. "Wir werden das Stadtmodell absenken und so präsentieren, als würde es im Raum schweben", so Wünsche. Ergänzt wird es mit zwei Medienstationen, mit deren Hilfe man bestimmte Objekte anklicken und auf Augenhöhe heranzoomen kann.

Für verschiedene Zielgruppen

Das neue Ausstellungskonzept will unterschiedliche Zielgruppen wie Einheimische und Touristen, Kinder und Erwachsene, Einzelreisende und Touristengruppen bedienen. Für jede Zielgruppe gibt es einen Extra-Flyer und einen spezifischen Parcours durch das Museum. Der "Klassiker" erzählt die Geschichte der Stadt chronologisch anhand der 18 Kronjuwelen. "Für Weltenbummler" lautet der Titel des Flyers, der exotische und weitgereiste Exponate umfasst. "Für Abenteurer" nennt sich der Flyer für Kinder, der ausgesuchte Exponate mit Märchen verknüpft, und der Flyer "Für ästheten" versammelt ganz besondere Exponate wie einen Lutherbotschafter von Ottmar Hörl oder die Eisentreppe von Joly, die auf der Weltausstellung in Paris um die Jahrhundertwende zu sehen war.

Die Welt im Museum

Während das Erdgeschoss dem Besucher einen kurzweiligen Einstieg ermöglicht, zeigt das erste Obergeschoss die Stadtgeschichte in ausführlicher Form. Die zentralen Exponate - insgesamt 406 - befinden sich in Tischvitrinen, die wie ein Band der Zeit im Raum angeordnet sind, während die Wände Platz für vertiefende Informationen bieten. Die Themen sind chronologisch angeordnet und reichen von der Frühzeit und den Askaniern über die Stadtverwaltung im Mittelalter, Friedrich dem Weisen, den Konfessionskriegen, der Universität und Befreiungskriegen bis zum preußischen Wittenberg, der Militärpräsenz bis zum Ersten Weltkrieg, der Weimarer Republik, NS-Zeit, DDR bis in die Gegenwart.

"Die Welt im Museum" ist der Titel der Ausstellung im Dachgeschoss, die in Form eines Schaudepots die naturkundliche und völkerkundliche Sammlung Julius Riemer präsentiert. Wesentliches Mittel der Inszenierung ist ein Karussell in der Mitte des Raumes, das auf einem äußeren Ring ethnologische und auf einem inneren Ring naturkundliche Exponate besonders hervorhebt. Während im Erdgeschoss ein Raum für Sonderausstellungen reserviert ist, findet sich im Dachgeschoss Platz für Museumspädagogik.

"Dieses Stadtmuseum ist Teil der bürgerschaftlichen Identität", betonte Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates, der die Stadt bei der Konzeption der Dauerausstellung beraten hat. Die Reformationszeit habe man bewusst ausgespart, weil dafür das Lutherhaus zuständig sei und das Stadtmuseum andere Akzente setze.

Auf Antrag der CDU wurde die Beschlussvorlage über die Neueinrichtung der Dauerausstellung als erste Lesung behandelt, obwohl Bürgermeister Zugehör Druck machte: "Das Drehbuch steht, es ist sinnlos, noch länger zu diskutieren, außerdem drängt die Zeit. Wir müssen wegen der Fördermittel die neue Ausstellung Ende des zweiten Quartals 2014 eröffnen."

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Zustimmung verweigert

STADTMUSEUM Kulturausschuss will Konzept lieber weiter diskutieren.

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 10.01.2014 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ- Der Bürgermeister war ein bisschen voreilig. Einen "Tag der Freude" hatte Torsten Zugehör (parteilos) ausgemacht, der Freude darüber, dass ein mehr als sechsjähriger und überaus mühseliger Prozess an diesem Mittwochabend im Alten Rathaus einen ersten Abschluss finden sollte. Doch Pustekuchen! Der Kulturausschuss verweigerte der Verwaltung die Zustimmung zum Konzept für das neue Stadtmuseum. In nicht mehr seltener Einmütigkeit setzten sich CDU und Linke mit ihrem Antrag durch, die Angelegenheit nicht abschließend, sondern lediglich "in erster Lesung" zu behandeln, da man noch Diskussionsbedarf sehe. Damit kann die "Neueinrichtung der Dauerausstellung des Museums der Städtischen Sammlungen im Zeughaus am Arsenalplatz", so der Klarname der Beschlussvorlage BV-124/2013, nicht mehr wie vorgesehen im Januar vom Stadtrat auf den Weg gebracht werden.

Vergeblicher Appell

Vergebens hatte ein sichtlich aufgebrachter Bürgermeister nach etwa einstündiger, teils unterirdischer Debatte an die Mitglieder des Kulturausschusses appelliert, den Plänen doch bitte sofort zuzustimmen. "Wir müssen im 2. Quartal eröffnen", machte Zugehör mit Blick auf die Fördermittel geltend. Und: "Wir hatten eine sehr breite Diskussion" über die Jahre hinweg. "Ich lasse mir keinen Zeitdruck aufzwingen", konterte ungerührt Frank Scheurell von der CDU. Man habe in der Fraktion wegen der Feiertage noch keine Gelegenheit gehabt, sich über das Konzept auszutauschen. ähnlich äußerte sich die Linke. Die Vorlage war den Mitgliedern des Kulturausschusses direkt vor Weihnachten zugegangen, nachdem der wissenschaftliche Beirat für die Neugestaltung des Museums das Konzept der Leipziger Agentur Kocmoc am 3. Dezember für gelungen befunden hatte.

"Uns scheint das eine Projektskizze zu sein", erklärte dagegen ein Vertreter des vormals als Bürgerinitiative agierenden Vereins der Freunde Julius Riemers und dessen Sammlung, der auf Antrag der Linken Rederecht im Ausschuss bekommen hatte. "Zu vielen Feldern bräuchten wir noch mehr Informationen", etwa zur Präsentation der "heimischen Natur" und zur "ägyptologie". Außerdem interessiere man sich dafür, "wer wie lange mit welchem Geld an welchem Thema gearbeitet hat". Ausschussmitglieder wiederum vermissten und wünschten sich dies und das: Bernhard "Luther" Naumann (SPD) etwa mehr Infos über die Auswirkungen der Reformation auf die Stadtgestalt sowie einen "Vortragsraum" (ansonsten aber: "Großes Lob"!), Scheurell einen "regionalen Bezug zur Natur"; Jürgen Schuster, Sozialdemokrat aus Seegrehna, forderte, dass jeder Ortsteil in schlichter Parität mit einem Exponat vertreten sein müsste im Stadtmuseum - sowie der Sport - und hielt auch das Heute bereits für museumsreif.

Schwierige Verdichtung

"Wenn man über eine Ausstellung diskutiert, braucht man am Ende 2 000 Quadratmeter...", kommentierte Stefan Rhein milde das muntere Wünschdirwas im Plenum. Der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten war Mitglied des wissenschaftlichen Beirates. Rhein verteidigte die "schwierige Verdichtung" einer so langen und reichen Stadtgeschichte auf die nun ausgewählten "406" Exponate. Auch bei der Umgestaltung der Lutherhalle hatte es bekanntlich Debatten gegeben, ob weniger mehr sei. "Museumsbesucher gehen mit drei, vier Objekten raus", verwies Rhein auf Untersuchungen zur tatsächlichen Erinnerungsfähigkeit. Dass die Besucher des Stadtmuseums ordentlich was zu sehen bekommen werden, wenn das Kocmoc- Konzept die politischen Hürden genommen hat, steht allerdings bereits jetzt außer Frage. Auf drei Etagen mit drei verschiedenen Bereichen erwartet sie das Werden einer Stadt von der Steinzeit bis ins Einheitsjahr 1990.

Zum Anfüttern dient das Erdgeschoss mit seinen "Kronjuwelen" - für Wittenberg besondere Exponate - dort befindet sich auch der vergrößerte Sonderausstellungsbereich. Im ersten Obergeschoss wird die Stadtgeschichte dargestellt und das Dachgeschoss gehört komplett dem Sammler und der Sammlung Julius Riemer. Auf verschiedenen Parcours werde der Einzelne mittels Flyern je nach individueller Interessenlage zu bestimmten Exponaten geführt - und bei Bedarf auch darüber hinaus in die Stadt, erläuterte Kocmoc-Mitarbeiter Jan Wünsche, der das Konzept im Kulturausschuss vorstellte (siehe "Hereinspaziert!").

Mehrheit will mehr

Am Ende aber hielt nur eine Minderheit, darunter der Ausschussvorsitzende Volker Werner (Freie Wähler), die Beschlussvorlage für abstimmungsreif. Mit fünf Ja, drei Nein und einer Enthaltung (von CDU-Frau Franziska Buse) plädierte man für ein Aufschieben der Entscheidung, also erste Lesung.

Es war das zweite Mal binnen weniger Wochen, dass Stadtratsmitglieder einem wichtigen Kulturprojekt die Zustimmung verweigerten. Auf der letzten Stadtratssitzung im alten Jahr war wie berichtet das für 2015 geplante Jubiläumsvorhaben "Cranach City" zur weiteren Behandlung in die Ausschüsse zurückverwiesen worden. Auch in diesem Fall drängt nach Angaben der Verantwortlichen aber die Zeit.


DAS NEUE MUSEUM: Hereinspaziert!

Als erster Teil des Stadtmuseums soll bis Juni das Erdgeschoss eröffnet werden, die beiden anderen Etagen 2016.

Im Erdgeschoss soll in "unterhaltsamer Form" (Jan Wünsche) Stadtgeschichte präsentiert werden. Mittelpunkt der 18 "Kronjuwelen" von Amtskette bis Uli ist das Stadtmodell. Es wird abgesenkt und medial so aufgerüstet, dass man quasi durch die Straßen spazieren kann. Im hinteren Teil ist Platz für Sonderausstellungen.

Das erste Obergeschoss teilt die Stadtgeschichte in Themenbereiche wie "Bildungsstandort", "Wirtschaft", "Glaubensfragen", "Leben in der Stadt", "Gerichtsbarkeit", "Dreißigjähriger Krieg" etc. Auf Tischvitrinen unterschiedlicher Höhe sprechen die einzelnen Exponate für sich. "Eventuell" werden hier die Gebeine Rudolfs II. gezeigt, so Wünsche. Dank Friedrich Schorlemmer kehre das 1983 umgeschmiedete Schwert aus Leipzig zurück. Integriert ist auf der Etage die Museumspädagogik.

Das Dachgeschoss folgt dem Prinzip "Wunderkammer" (Stefan Rhein), nicht dem eines Naturkundemuseums. Unter dem Titel "Die Welt im Museum" soll Riemers Bezug zur Stadt verdeutlicht werden. Im Mittelpunkt steht ein "Karussell" mit völker- und naturkundlichen Exponaten. "Wir wollen Vielfalt präsentieren", so Wünsche.


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Aufmacher in der MZ am 17.10.2013

Lebenswerk und Leidenschaft

EHRUNG Museumsleiterin Charlotte Riemer wäre gestern 100 Jahre alt geworden.

Mit diesem Aufmacher und unter dieser überschrift veröffentlichte die MZ am 13.10.2013 folgenden Artikel von Karina Blüthgen:

WITTENBERG/MZ

- Was hätte Charlotte Riemer wohl anlässlich ihres hundertsten Geburtstages gesagt? Vermutlich hätte sie in ihrer sehr direkten Art deutliche Worte zur derzeitig verpackten Riemerschen Sammlung gefunden. Die Gestaltung des Museums aus den Sammlerstücken ihres Mannes Julius war ihr Lebenswerk, ihre Leidenschaft. Und sie hätte die Stadt (nicht zum ersten Mal) ermahnt, dass das Erbe der Sammlung auch Verpflichtung bedeutet. Gestern wäre Charlotte Riemer, geborene Mathieu, hundert Jahre alt geworden.

Etwa 20 Weggefährten und Freunde ehrten die im Jahr 2002 Verstorbene mit Gebinden und Erinnerungen. Er habe seine Tante Charlotte Riemer als eine weltoffene Frau erlebt, sagte Harald Schultze, der aus Magdeburg angereist war. Ihren Vater habe sie im Alter von acht Jahren verloren, ihre Mutter hatte das Vermögen der Familie in der Inflation eingebüßt. "Sie musste sich ihre Jugend und ihr Leben selbst organisieren", so der Großneffe. In der Sammlung ihres Patenonkels Julius Riemer, den sie 1948 heiratete, habe sie eine Lebensaufgabe gefunden.

Jugendliche begeistert

Charlotte und Julius Riemer konnten aber vor allem eines: Jugendliche für die Natur begeistern. "Ich hätte nie gedacht, dass es mich, als ich mit 13 Jahren zum ersten Mal die Räume des Museums betrat, derart prägen würde", blickte Klaus Glöckner zurück. Er war über 47 Jahre im Museum tätig, hat am längsten mit Charlotte Riemer zusammengearbeitet und, als es ihr körperlich schwer fiel, die Geschicke des Museums weitergeführt. "Dass heute ihr hundertster Geburtstag ist, will mir nicht in den Kopf. Sie steht noch lebendig vor mir", meinte Glöckner, der seit einigen Jahren in Leipzig wohnt.

Heimstatt der Ornithologen

"Wir wären für sie durchs Feuer gegangen", erklärte der heute 77-Jährige und zeigte, dass ihn noch immer die Leidenschaft des Forschens und Sammelns gepackt hält. Einer, der das gut nachvollziehen kann, nickte kaum merklich. "Julius Riemer war mein väterlicher Mentor", verriet Uwe Zuppke gegenüber der MZ. Seine Beschäftigung mit der Tierwelt der Elbaue rund um Wittenberg ist inspiriert von dem, was er in seiner Jugend bei Julius Riemer und dessen Freund Otto Kleinschmidt lernte. "Unsere ornithologische Gruppe in Wittenberg hatte ein Heimatrecht im Museum. Wir konnten die Räume für unsere Veranstaltungen und die Fachbibliothek nutzen. Und wir hatten bestes Anschauungsmaterial für unsere Vorträge", ist er noch heute Charlotte Riemer für ihre Unterstützung dankbar.

Er freue sich, dass der hundertste Geburtstag von Charlotte Riemer so aufmerksam aufgenommen werde, zeigte sich Harald Schultze dankbar angesichts so vieler positiver Reflexionen. Er habe Charlotte unterstützt, Kontakte zur weit verzweigten Familie zu halten - auch, als es Offiziellen zur DDR-Zeiten einfiel, dass es einer überzeugten Museumsleiterin nicht tunlich sei, Westkontakte zu haben. "Ich habe Hochachtung vor der Lebensleistung von Charlotte Riemer", schloss er seine kurze Rede.

Der Freundeskreis Julius Riemer, der als Verein das Weiterbestehen des Museums und die Neugestaltung der Ausstellung im Blick hat, hatte im Anschluss an das Gedenken auf dem Wittenberger Friedhof für weitere zwanglose Gespräche in einer Gaststätte einen Tisch reserviert. So mancher nahm das Angebot auch dankbar an.

ZUR SAMMLUNG

Noch immer Diskussionen zur Präsentation

Seit 2009 wird diskutiert und zuweilen auch gestritten, wo und wie die natur- und völkerkundliche Sammlung von Julius Riemer, vormals im Schloss, präsentiert wird. Ideen von der Schau in einer Etage des Zeughauses gab es, später Planungen zur Herrichtung eines Schaudepots in der Pfaffengasse. Das Konzept für das Zeughaus sieht nun vor, Julius Riemer als eine der wichtigen Personen der Stadtgeschichte mit ausgewählten Stücken darzustellen. Drei herausragende Objekte sollen unter den 16 "Kronjuwelen" sein, die künftig im Zeughaus Lust machen sollen, mehr zu sehen. Im Sommer 2012 wurde die Sammlung von Restauratoren und Präparatoren verpackt und vorerst in übergangsquartiere gebracht. KBL

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Vermächtnis eines späten Sammlers

Nils Seethaler geht Motiven früherer Liebhaber der Völkerkunde nach und findet Ansätze für Riemersche Ausstellung.

Unter dieser überschrift veröffentlichte die MZ am 14.10.2013 folgenden Artikel:

WITTENBERG/MZ/KBL - Sammlungen von Objekten aus anderen Kulturkreisen klären nicht nur über diese auf. "Sie helfen auch, uns selber besser zu verstehen", sagt Nils Seethaler. Insofern birgt jede Zusammenstellung von Objekten, sofern sie gut konzipiert ist, einen Aha-Effekt. Idealerweise "sieht der Betrachter ein schönes Stück und will von sich aus mehr erfahren, muss also nicht dazu angehalten werden", erläutert der Berliner Ethnologe. Genau das wünscht sich der Verein "Freundeskreis Julius Riemer" von der künftigen Ausstellung der Privatsammlung.

Einfluss auf europäische Kunst

Was genau im Zeughaus gezeigt werden wird, ist bisher nur ansatzweise nach außen gedrungen. Dennoch wird der Verein nicht müde, eigene Vorschläge zu unterbreiten und mit Veranstaltungen auf die Bedeutung der Privatsammlung Riemers aufmerksam zu machen. Nach welchen Aspekten Sammler früher vorgingen, was sie als würdig erachteten und wie sie es präsentierten, darüber versuchte Nils Seethaler mit einem Vortrag "Europäische Sammler außereuropäischer Kunst" am Freitag einen überblick zu geben. Zudem zeigt er Einflüsse auf, die Gegenstände indigener Völker auf die europäische Kunstgeschichte (etwa den Surrealismus) hatten.

Riemer sei insofern ein Sonderfall, als dass er erst Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Sammeln begann, erläuterte er den 20 Zuhörern im Kirchlichen Forschungsheim. In einer Zeit also, als anderswo längst damit abgeschlossen wurde. Denn die große Zeit des Forschens und Entdeckens, so Nils Seethaler, sei das 19. Jahrhundert gewesen. Das Sammeln geschah seinerzeit "enzyklopädisch", man versuchte vollständige Reihen von Objekten zum Erkenntnisgewinn aufzubauen. Bei schriftlosen Kulturen stand das Objekt gänzlich im Vordergrund. Jedes Volk habe eine Kultur, und jede Kultur entwickle sich, räumte Seethaler mit der Vorstellung auf, dass es so etwas wie "Kulturlosigkeit" gibt. "Keine Kultur steht für sich", hob er gegenseitige Beeinflussungen hervor.

Ansätze für neue Schau

Genau diesen Aspekt, das Gegenüberstellen von Parallelen von vermeintlich fremden außereuropäischen Funden zu Religion, sozialer Organisation oder auch der Stellung der Geschlechter zu jenen in Europa könnten sich die Vereinsmitglieder auch in Wittenberg vorstellen. Dass sich die neue Schau im Zeughaus am Sammler Julius Riemer orientieren soll, hält Nils Seethaler für einen möglichen Verknüpfungspunkt. Wichtig sei aus seiner Sicht, dass nicht einzelne wertvolle Stücke, sondern Zusammenhänge aus der bedeutenden Sammlung gezeigt werden.

Da in der künftigen Ausstellung im Zeughaus nur ein begrenzter Platz zur Verfügung stehen wird, kam aus der Runde die Anregung, die Vielfalt der Objekte aus der Sammlung zumindest in digitaler Form aufbereitet für Interessierte zugänglich zu machen. Denn letztlich, so Seethaler, gehe es darum, das Interesse der Besucher zu wecken und nicht nur Lob aus der Fachwelt zu bekommen.

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Charlotte Riemer wurde vor 100 Jahren geboren

Ein bewegtes Leben in bewegten Zeiten für die Natur- und Völkerkunde.

Unter dieser überschrift veröffentlichte der Super Sonntag am 13.10.2013 folgenden Artikel:

Charlotte Riemer

Wittenberg (wg). In jahrzehntelanger, aufopferungsvoller Tätigkeit hat sich Charlotte Riemer den natur- und völkerkundlichen Sammlungen gewidmet, deren Ruf weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinausreicht. "Das Riemer Museum, so wie es sich bis zum Auszug aus dem Schloss dem Betrachter präsentierte, ist das Lebenswerk von Charlotte Riemer", resümiert Klaus Glöckner, der 1953 als technischer Assistent im Riemer Museum angestellt wurde und dort bis zu seiner Pensionierung als engster Mitarbeiter der Nestorin arbeitete. Bis zu ihrem Tod 2002 leitete sie die Einrichtung, deren Sammlungen sie per Vertrag an die Stadt Wittenberg vererbte. Am 16. Oktober 1913 wurde Charlotte Riemer als einziges Kind des Rittergutsbesitzers Hans Mathieu in Raßdorf bei Bülzig geboren. Ihr Taufpate war der damals 33 Jahre alte Julius Riemer, Berliner Textilkaufmann und ein guter Freund des Hauses.

Charlotte Riemer und Klaus Glöckner

1917 musste das Rittergut verkauft werden, die Familie zog nach Zahna, wo Vater Hans Mathieu 1921 verstarb. Die Erziehung lag nun allein in den Händen von Mutter Ida Mathieu, Tochter des Mühlenbesitzers Karl Mehnert aus Abtsdorf. Sparsame Lebensführung war angesagt, denn der Erlös aus dem Verkauf des Rittergutes wurde Opfer der Inflation. "Julius Riemer kümmerte sich fürsorglich um Patenkind und Mutter", berichtet Glöckner. 1928 besuchte Charlotte zum ersten Mal ihren Onkel in Berlin, wo die natur- und völkerkundlichen Exponate des leidenschaftlichen Sammlers Julius Riemer einen nachhaltigen Eindruck hinterließen - wie sich Jahre später herausstellen sollte.

Nach Besuch des Lyzeums in Wittenberg und der Oberschule in Jüterbog nahm Charlotte Mathieu 1937 eine Tätigkeit im Luftpark Jüterbog-Altes Lager auf. Die Wirren des Kriegsendes verschlugen sie zunächst nach Schleswig-Holstein, im August 1945 konnte sie nach Zahna zurückkehren. Der Krieg hatte auch Charlottes Patenonkel nicht verschont: Die Wohnung in Berlin-Tempelhof war ausgebombt. Kurz zuvor gelang es Riemer, seine Sammlung nach Sieversdorf im Kreis Kyritz auszulagern. Dort verstarb 1945 seine zweite Frau. "Riemer suchte für sich und seine Sammlung eine neue Heimat", so Glöckner. "Eine dauerhafte Lösung bahnte sich durch die Freundschaft Riemers mit Dr. Otto Kleinschmidt an, dem Leiter des Kirchlichen Forschungsheimes in Wittenberg."

Die Stadt stellte Räumlichkeiten im Schloss zur Verfügung. Ende 1947 traf Riemer mit dem ersten Lastzug in Wittenberg ein, weitere sieben und dann zwei Eisenbahnwaggons folgten. 1949 konnte ein erster Raum eröffnet werden. Von Anfang an half Charlotte Mathieu ihrem Onkel - zunächst bei der Sichtung und Bearbeitung der Exponate, schließlich übernahm sie die gesamte Sammlungsbetreuung. Im April 1948 heirateten beide im Schloss. Die zehnjährige Ehe endete am 15. November 1958 mit dem Tod Julius Riemers, von da an übernahm Charlotte Riemer die alleinige Leitung des Hauses. In dem 1954 mit der Stadt abgeschlossenen Vertrag wurde eine 99-jährige Laufzeit vereinbart und Charlotte Riemer als Universalerbin eingesetzt. Nach und nach konnten weitere Räume im Schloss zur musealen Präsentation genutzt werden.

Charlotte Riemer und Klaus Glöckner

Zu den ersten Besuchern gehörte damals Klaus Glöckner: "Frau Riemer hat, nicht selten im Widerspruch zu den Wünschen ihres Mannes, dafür gesorgt, dass nicht wahllos alles gezeigt wurde, sondern dass eine didaktisch ansprechende, wissenschaftlichen Anforderungen genügende Ausstellung entstand." Dabei konnte sie auf Fachkenntnisse zurückgreifen, die sie sich im Studium an der Museumsfachschule in Köthen, später in Weißenfels von 1955 bis 1959 aneignete.

"Frau Riemer hat ihre ganze Kraft dem Museum gewidmet", erzählt Glöckner. "Da alle Exponate dokumentiert werden mussten, hat sie zunächst Federzeichnungen angefertigt, später dann die Objekte fotografiert. Die Filme hat sie in einem eigenen Labor entwickelt und zu Ausstellungszwecken vergrößert." Aus den schwierigen Anfängen entwickelte sich ein Museum, das nicht nur in Wittenberg fest verwurzelt ist, sondern über die Landesgrenzen hinaus zu den arriviertesten Privatsammlungen zählte, mit vielfältigen Kontakten zu anderen Museen in Ost- und Westdeutschland. Was von den Sammlungen künftig im Zeughaus zu sehen sein wird, befindet sich derzeit im Zuge der Neugestaltung der Städtischen Sammlungen in Arbeit.

Info:

Aus Anlass des 100. Geburtstages von Charlotte Riemer erinnern die Stadt und der Freundeskreis Julius-Riemer-Sammlungen am Mittwoch, dem 16. Ok-tober, 14 Uhr, auf dem Friedhof in der Dresdener Straße (gegenüber dem Hauptfriedhof) an die Museums-Nestorin.

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Stadt braucht keine weiteren Experten

Verwaltung reagiert ablehnend auf Vorschlag des Riemer-Freundeskreises.

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 11.10.2013 folgenden Artikel:

WITTENBERG/MZ/IRS - Mit Befremden hat Bürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) auf ein Schreiben des "Freundeskreises der Julius-Riemer-Sammlung" reagiert. In dem an den Oberbürgermeister gerichteten Schreiben fordert die Gruppe die Berufung weiterer Fachleute in den Wissenschaftlichen Beirat des künftigen Stadtmuseums: "Nachdem die Planung des zweiten Obergeschosses des Zeughauses mit der neuen natur- und völkerkundlichen Ausstellung erst vor kurzem in Angriff genommen worden ist, viele fachliche Fragen naturgemäß noch ungeklärt sein dürften und der Wissenschaftliche Beirat zur Neuordnung der Museumslandschaft das Gesamtkonzept nach seiner Fertigstellung noch einmal begutachten möchte, den Planungsprozess also noch über weitere Monate begleiten wird, ist es spätestens jetzt geboten, auch die Fachleute an der Diskussion zu beteiligen, deren Arbeitsfelder die Sammlungsschwerpunkte der Riemer-Sammlung sind (...)", heißt es in dem von Rudolf Wasmeier unterzeichneten Schreiben. Es folgen die Namen von vier Experten für Naturkunde und Völkerkunde, deren Mitwirken der Verein für sinnvoll erachtet. "Ihr Rat wäre nicht nur ein Gewinn für die Riemer-Sammlung, für die wir uns einsetzen: Ihre Beteiligung wäre auch geeignet, das Ansehen der Städtischen Sammlungen insgesamt erheblich aufzuwerten", schließt das Schreiben der Riemer-Freunde.

Dass der Brief an die Verwaltung flankierend in die öffentlichkeit geschickt wurde, bezeichnete Zugehör gestern auf MZ-Anfrage als einen "sehr erstaunlichen", ja, "bedenklichen" Umgang miteinander. "Diese Sache wurde bereits unzählige Male miteinander besprochen", verwies er auf regelmäßige Kontakte zwischen dem Freundeskreis und der Verwaltung. "Wir nehmen die Interessen des Vereins ernst", so Zugehör, der in diesem Zusammenhang auch auf den 100. Geburtstag von Riemers verstorbener Witwe Charlotte verwies.

Auch inhaltlich wies er das Ansinnen des Schreibens zurück. Es gebe keinen Bedarf an zusätzlichen Wissenschaftlern. "Wir haben einen Vertragspartner, die Agentur Kocmoc.net", die sich der notwendigen wissenschaftlichen Expertise bediene. Zwischenzeitlich seien - zusätzlich zu dem für Neuere Geschichte - "weitere Experten gebunden worden", ein Biologe und eine "promovierte Ethnologin".

Der Wissenschaftliche Beirat des Stadtmuseums im Zeughaus hatte vor einiger Zeit angekündigt, seine Arbeit bis zur Eröffnung weiterführen zu wollen. Als erstes soll, voraussichtlich 2014, das Erdgeschoss eingerichtet werden. Die Obergeschosse dienen vorübergehend der Bibliothek des Predigerseminars als Ausweichquartier.

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Überblick für Besucher

16 Kronjuwelen illustrieren Wittenbergs Stadtgeschichte

Unter dieser überschrift veröffentlichte der Wochenspiegel am 03.07.2013 folgenden Artikel:

Besondere Exponate sollen im Erdgeschoss des Zeughauses für Höhepunkte sorgen.

Wittenberg (wg). "Wir sind auf einem langen Weg mit klar definierten Schritten", beschreibt Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) den Prozess der Neugestaltung der Städtischen Sammlungen. Mit den sogenannten Kronjuwelen habe man nun einen weiteren wichtigen Schritt vollzogen.

Die Stadt hatte die Bürger dazu aufgerufen, sich mit Ideen und Vorschlägen einzubringen: Jede für die Stadtgeschichte wichtige Etappe soll durch ein besonderes Exponat dargestellt werden. Leider gab es nur elf Zuschriften. "Wir hatten uns mehr Bürgerbeteiligung gewünscht, allerdings verfügen alle Vorschläge über eine fundierte Substanz", sagt der OB. Die Vorschläge der Bürger sind zu fast 100 Prozent identisch mit den Vorschlägen der Fachleute.

Zeughaus Erdgeschoss

Aus 50 Vorschlägen wurden 16 zu Kronjuwelen geadelt. "Diese Exponate, die im Erdgeschoss in besonderer Weise inszeniert werden, sind eine Art Inhaltsverzeichnis für das, was die Besucher im zweiten und dritten Obergeschoss ausführlicher sehen können", erläutert Andreas Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen. Dabei schlagen die Kronjuwelen einen Bogen von der Ur- und Frühgeschichte bis zur Neuzeit.

Den Auftakt macht das germanische Waffengrab aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, das in der Collegienstraße gefunden wurde und Schwert, Schildbuckel sowie eine Lanze umfasst. Es folgt der Pratauer Münzfund um 1325, entdeckt 1930 in der Propstei Pratau. Er steht für das Münzrecht der Stadt. Eine Besonderheit unter den 2.000 Münzen ist der Marienpfennig, er diente zur Finanzierung des Aufbaus der Stadtkirche als dem ältesten Gebäude der Stadt.

Das dritte Kronjuwel ist die Stadtrechtsurkunde von Wittenberg vom 28. Juni 1293, sie soll im Original präsentiert werden, dazu sind besondere konservatorische Vorgaben einzuhalten. Die Urkunde ist das früheste schriftliche Zeugnis der Stadtgeschichte.

Die Walrippe aus der Heiltumssammlung Kurfürst Friedrichs des Weisen ist ein Exponat von internationalem Rang und steht sowohl für den alten als auch neuen Glauben.

Es folgen die Professorenbilder von Luther und Melanchthon aus der Werkstatt Cranachs d.J., die Stadtrat Melchior Keil 1575 dem Rathaus schenkte.

Das Renaissanceportal aus dem 16. Jahrhundert aus der kurfürstlichen Amtsmühle in der Schlossstraße gilt als Beispiel für die Stadtentwicklung: Es soll mitten im Erdgeschoss platziert werden, so dass die Besucher hindurchgehen können. Weitere Kronjuwelen sind das Richtschwert aus dem 16. Jahrhundert als Zeichen der Gerichtsbarkeit, der Gemeine Kasten als Beispiel für die frühe Sozialordnung und wichtiger Beleg für Luthers Wirken in der Stadt sowie die goldene Amtskette des OB von 1860, die bei offiziellen Anlässen auch heute noch getragen wird.

Als Zeichen der Kriege und Zerstörungen wird eine Congrevsche Brandrakete ausgestellt, die in dieser unversehrten Form einzigartig in Deutschland ist. Die gusseiserne Patenttreppe, die im Eisenwerk Joly produziert wurde, steht für die Industrialisierung Wittenbergs. Diese Treppe wurde von Wittenberg in alle Welt exportiert. Die Uniform des Rotfrontkämpferbundes illustriert die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus, während der Originalamboss auf die symbolische Aktion "Schwerter zu Pflugscharen" von 1983 auf dem Lutherhof verweist.

Die Sammlung Riemer wird durch einen Nasenaffen und eine Giraffe als Exponate mit besonderem Schauwert sowie den Uli repräsentiert. Letztere ist eine Kultfigur von der Insel Neuirland, die heute zu Papua Neuguinea gehört, sie ist nicht nur von hohem wissenschaftlichen Wert, sondern hat auch alle Chancen, wieder zu einem Publikumsliebling zu werden.

"Der besondere Charme des Konzeptes, für welches das Planungsbüro Kocmoc verantwortlich zeichnet, liegt in seiner Flexibilität", betont der OB. Die Kronjuwelen könnten später durchaus gegen andere ausgetauscht werden: "Wir wollen Stadtgeschichte lebendig präsentieren und nicht so, dass sie in zehn Jahren ein alter Hut ist."

Anfang Juli wird sich der wissenschaftliche Beirat mit den Drehbüchern für die Neugestaltung der Städtischen Sammlungen befassen und eine Empfehlung abgeben. Im II. Quartal 2014 soll die neue Dauerausstellung im Erdgeschoss eröffnet werden, 2015 auch in den beiden Obergeschossen.

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16 Kronjuwelen fürs Zeughaus

SAMMLUNGEN Die Stadt stellt vor, was repräsentativ für ihre Geschichte seit der Frühzeit sein soll.

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 29.06.2013 folgenden Artikel von Markus Wagner:

WITTENBERG/MZ - Die "Hand der Giftmischerin" und "Fresskahles Magen" sind nicht dabei. 16 "Kronjuwelen" werden im Städtischen Museum im Erdgeschoss des Zeughauses eine Art "Inhaltsverzeichnis" für die Ausstellung bilden. Am Freitag haben sie der Leiter der Sammlungen, Andreas Wurda, und Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) vorgestellt.

"Es kann noch Abweichungen geben", sagt Naumann zur Liste der 16 "Kronjuwelen". Anfang Juli wird der wissenschaftliche Beirat über die nun vorliegenden "Drehbücher" für die neue Dauerausstellung beraten. Teil wird auch die von Kocmoc erstellte Liste mit Prätiosen der Stadtgeschichte sein. Die Idee: Die 16 Stücke sollen wichtige Abschnitte der Stadtgeschichte repräsentieren, die Besucher mit Zeit in den anderen Stockwerken noch vertiefen können. Wir stellen die Juwelen kurz vor:

Germanisches Waffengrab

Schwert, Schildbuckel und Lanze repräsentieren Ur- und Frühgeschichte der Region. Das Modell eines Kriegers wird den Eindruck vervollständigen.

Pratauer Münzenfund

1930 war an der Pratauer Probstei ein Topf mit über 2 000 Münzen gefunden worden. Wittenberg hatte einst das Münzrecht. Unter dem Fund: Marienpfennige - Gedenkmünzen für den Aufbau der Stadtkirche um 1300.

Stadtrechtsurkunde

Es ist das älteste schriftliche Zeugnis der Stadtgeschichte. Albrecht II. erweitert 1293 die Stadtrechte. Die Urkunde soll im Original gezeigt werden, was hohe Anforderungen an die Technik bedeutet.

Walrippe des Kurfürsten

Friedrich der Weise war vernarrt in Reliquien. Der Inhalt seiner "Heiltumssammlung" ist größtenteils verschollen. Die Walrippe gilt als "Exponat von internationalem SAMMLUNGEN Die Stadt stellt vor, was repräsentativ für ihre Geschichte seit der Frühzeit sein soll. Rang". Sie ist zwar keine Reliquie, soll aber von Friedrich von einer Pilgerreise ins Heilige Land mitgebracht worden sein.

Cranachs Bilder

Luthers und Melanchthons Porträts stehen nicht nur für die Reformation, nicht nur für Cranachs Werke - sie sind auch Stücke aus dem Alten Rathaus Wittenbergs. Melchior Keil hatte sie 1575 der Stadt geschenkt.

Steinportal der Amtsmühle

Es wird wohl die spektakulärste Repräsentation werden. Durch das Renaissance-Portal der kurfürstlichen Amtsmühle werden die Besucher schreiten können. Das Portal symbolisiert die Bereiche Stadtentwicklung und Wirtschaft.

Das Richtschwert

Der Scharfrichter hat es wirklich benutzt. Das Richtschwert aus dem 16. Jahrhundert ist Symbol der Gerichtsbarkeit.

Gemeiner Kasten

Aus der "Sozialkasse" der Stadt konnten um 1522 Handwerker sogar zinslose Kredite bekommen. "Es gab auch sofort eine Missbrauchsdiskussion", sagt Oberbürgermeister Naumann.

Amtskette der Oberbürgermeister

Man kann heute noch sehen, wenn es in Wittenberg feierlich wird. Dann ist der Platz der Kette im Museum leer. Seit 1860 gibt es sie.

Congrevsche Brandrakete

Die einzige erhaltene englische Brandrakete auf deutschem Boden. Sie lag 1813 als Blindgänger nach der Beschießung Wittenbergs in einem Garten.

Patenttreppe

Nord- und Südamerika, Australien: Die Gusseiserne Patenttreppe der Firma "Joly" war ein Kassenschlager, ist Zeugin der Industrialisierung und auf der ganzen Welt zu finden.

Uniform eines Rotfront-Kämpfers

Ein seltenes Stücke aus den 1930ern, weil viele Uniformen während der Nazi-Zeit vernichtet wurden. Sie steht für die Themenbereiche Weimarer Republik und Nationalsozialismus in der Stadt.

Schwerter zu Pflugscharen

Der Amboss, auf dem 1983 das Schwert zur Pflugschar geschmiedet worden ist. Das Schwert selbst gehört Friedrich Schorlemmer und ist in Leipzig ausgestellt.

Riemers Nachlass

Gleich drei Exponate werden auf die Riemersche Sammlung hinweisen: ein Nasenaffe, eine Giraffe und eine Holzfigur aus Papua-Neuguinea. Letztere, der Uli, habe hohen wissenschaftlichen Wert.

Wenig Resonanz aus der Bevölkerung

"16 aus 50" könnte man die Auswahl laut Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) auch nennen. Erstaunlich sei die übereinstimmung von Wissenschaft und öffentlicher Meinung, was die Auswahl der Exponate für den Eingangsbereich angeht. Allerdings sind nur ganze zehn Bürger dem Aufruf gefolgt und haben ihre Favoriten aus den Städtischen Sammlungen genannt. "Das ist enttäuschend", sagt Naumann.
Im Jahr 2015 hofft Sammlungsleiter Andreas Wurda, das komplette Zeughaus mit dem Stadtmuseum belegen zu können. Bis dahin werden Teile des Gebäudes als Depot für Umzüge innerhalb der Stadt genutzt. Bereits im zweiten Quartal 2014 sollen die "Kronjuwelen" einen ersten Eindruck vermitteln, was in den Depots im alten Gesundheitsamt, im Alten Rathaus und in Seegrehna noch alles schlummert.

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Kronjuwelen gesucht

Besondere Exponate sollen Wittenbergs Streiflichter illustrieren

Unter dieser überschrift veröffentlichte der Wochenspiegel am 22.05.2013 folgenden Artikel:

Wittenberg (wg). Anfang 2014 wird im Erdgeschoss des Zeughauses der erste Teil der Ausstellung zur Stadtgeschichte eröffnet, zentraler Bestandteil sind die sogenannten Kronjuwelen: Damit sind Exponate gemeint, welche die Streiflichter durch die Geschichte der Stadt in besonderer Weise illustrieren. "Es geht um die besten Stücke aus unseren Städtischen Sammlungen, sie sollen beim Besucher Appetit auf mehr wecken", sagt Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD). "Die Auswahl der Kronjuwelen wollen wir nicht einer Agentur überlassen, vielmehr sollen die Bürger unserer Stadt entscheiden." Andreas Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen, benennt 19 Streiflichter durch die Geschichte, jedem lassen sich besondere Exponate zuordnen.

Bei der Vor- und Frühgeschichte ist dies beispielsweise das germanische Waffengrab aus dem 2. Jahrhundert vor Christus mit Schwert, Schildbuckel und Lanze, das in der Collegienstraße gefunden wurde. Für die Zeit der Askanier (12. bis 15. Jahrhundert) kommt unter anderem die Stadtrechtsurkunde von 1293 in Frage. 1422 übernehmen die Wettiner Sachsen, dieses Streiflicht illustriert die Walrippe aus der Heiltumssammlung von Kurfürst Friedrich dem Weisen.

1502 wird Wittenberg Universitätsstadt, Porträts von Luther und Melanchthon aus der Cranachwerkstatt könnten diesen Abschnitt darstellen. Im 15. und 16. Jahrhundert erfolgt der Ausbau der Stadt, dafür stehen Teile der um 1486 erbauten Elbbrücke. Ein großes Kapitel unter dem Motto "Rat der Stadt - Bürger verwalten ihre Stadt" umfasst den Abschnitt vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Exemplarisch dafür sind das Stadtsiegel in Silber, 1436/37angefertigt, die Stadtordnung von 1504, das Richtschwert aus dem 16. Jahrhundert als Zeichen der Gerichtsbarkeit, die Ordnung des Gemeinen Kastens von 1521 oder die goldene Amtskette des OB von 1860.

Das Kapitel "Wittenberg in den Kriegen" umfasst den Zeitraum vom 15. bis zum 20. Jahrhundert, dafür stehen Exponate wie das Gemälde von König Gustav Adolf von Schweden oder die Gedächtnistafel für die Gefallenen der ersten Kompanie des Wittenberger Infanterieregiments Graf Tauentzien in Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Die gusseiserne Patenttreppe, produziert im Eisenwerk Joly, illustriert die Industrialisierung der Stadt. Für die Weimarer Republik schlägt Wurda die Armbinde der Stadtwehr von 1919 oder die Fahne des Arbeiter Samariter Bundes von 1925 vor.

Weitere Streiflichter sind die Zeit des Dritten Reiches (Uniform des Rotfrontkämpferbundes), die Sowjetische Besatzungszone (Fotos von Kriegsschäden, Bunkersprengungen und Wiederaufbau), die DDR (Produkte von Wittenberger Firmen; Schwerter zu Pflugscharen im Lutherhof 1983), die Wendezeit (Aufruf "Auf der Suche nach Erneuerung" vom 19.9.1989) sowie die Zeit ab 1990.

Den naturkundlichen Teil der Riemer Sammlung können unter anderem die Primaten, das überaus wertvolle Skelett der Stellerschen Sehkuh oder Hals und Kopf einer Giraffe repräsentieren. Für den völkerkundlichen Teil der Sammlung schlägt Wurda unter anderem den kostbaren Häuptlingssitz aus Afrika, Speere aus Ozeanien sowie die ozeanische Kultfigur Uli vor.

Info:

Vorschläge können bis zum 31. Mai eingereicht werden bei der Stadtverwaltung, Lutherstraße 56, Pressesprecherin Karina Austermann, EMail unter Karina.Austermann@wittenberg.de

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Leben im Interim

Städtische Sammlungen haben das Schloss komplett verlassen
Gute Bedingungen für Archivnutzer im ehemaligen Gesundheitsamt.

Unter dieser überschrift veröffentlichte der Super Sonntag am 28.04.2013 folgenden Artikel:

Wittenberg (wg). Alles ist raus: Mehr als 3.000 Quadratmeter bis unter die Decke gestapeltes Sammlungsgut haben das Schloss verlassen, verteilt auf drei Standorte - das ehemalige Gesundheitsamt in der Wallstraße, der Westflügel im Erdgeschoss des Alten Rathauses und das Depot in der Puschkinstraße. "Die Verteilung des Sammlungsgutes auf die einzelnen Standorte erfolgte nach konservatorischen und sachlichen Gründen", berichtet Andreas Wurde, Leiter der Städtischen Sammlungen. Im ehemaligen Gesundheitsamt stehen 1.400 Quadratmeter zur Verfügung, das Objekt wurde provisorisch hergerichtet. Unter anderem musste die Statik erheblich ertüchtigt werden, damit die Fußböden nicht unter der Last des schweren Sammlungsgutes zusammenbrechen.

Ratsarchiv

OB Eckhard Naumann (l.) und Andreas Wurda, Leiter der Städtischen Sammlungen, in der Ratsbibliothek, die sich derzeit im ehemaligen Gesundheitsamt befindet.

Für jeden Raum gibt es ein eigenes Klimagutachten, Be- und Entfeuchter sorgen für die Balance der Luftfeuchtigkeit. "Wir haben selbst die alten Toiletten herrichten lassen, um dort Akten lagern zu können", so Wurda. Allein das Ratsarchiv umfasst rund 2.000 laufende Meter, das Fotoarchiv mehr als 40.000 Bilder. Nicht minder eindrucksvoll ist die Ratsbibliothek, die als Bibliothek der Verwaltung angelegt worden war. Sie enthält ein Buch von 1719, in dem erläutert wird, wie man während eines Gerichtsprozesses Hexen erkennen kann. Alle Rechnungen seit 1410 sind erhalten: "Das ist einmalig in Mitteldeutschland und wir führen diese Tradition selbstverständlich fort", sagt Wurda. Im Keller stößt der Besucher auf das kleine Denkmal, das vor dem KTC "Maxim Gorki" stand und kurz nach 1990 in den Städtischen Sammlungen eingelagert wurde, weil es im Bestand gefährdet war.

"Die Interimslösung kann sich sehen lassen", findet Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) beim Rundgang durch das ehemalige Gesundheitsamt. Der Auszug aus dem Schloss sei sachgemäß und professionell durchgeführt worden, zudem ein enormer Kraftakt gewesen. Für die Nutzer des Archivs haben sich die Bedingungen gegenüber dem Schloss sogar verbessert, wenn auch während des Interims nicht alle Archivalien verfügbar sein können. Zusätzlich zu den regulären öffnungszeiten bekommen Wissenschaftler von außerhalb Extra-Termine. Außerdem beantworten die Mitarbeiter der Städtischen Sammlungen rund 1.400 Anfragen im Jahr. "Zu unseren Aufgaben gehören die Sammlungen, die Präsentation sowie das Rats- und Endarchiv als kommunale Pflichtaufgabe", erläutert Wurda.

Das ehemalige Gesundheitsamt und die beiden anderen Standorte stellten nur eine Interimslösung dar, deshalb habe man etliches Sammlungsgut eingepackt gelassen in speziellen, atmungsaktiven Folien. Sobald die Häuser in der Juristenstraße am Arsenalplatz rekonstruiert sind, zieht dort das Ratsarchiv mit seinen Mitarbeitern ein. Die Präsentation der Exponate wird sich künftig auf das Zeughaus auf dem Arsenalplatz konzentrieren, dorthin zieht zunächst die wertvolle Bibliothek des Predigerseminars: "Die Differenzen zwischen Kirche und Land scheinen beigelegt zu sein", informiert Naumann. Deshalb habe man die Ausschreibungen für die Baumaßnahmen am und im Schloss zeitweilig unterbrochen, diese inzwischen aber wieder aufgenommen. "Ich gehe von einem Baubeginn im Juli 2013 aus", erklärt Naumann.

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Angekommen

MUSEUM Der Umzug in die drei provisorischen Depots ist abgeschlossen, das Schloss jetzt frei für den Umbau.

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 27.04.2013 folgenden Artikel von Irina Steinmann:

WITTENBERG/MZ - "Kopf" steht da, wo wahrscheinlich der Kopf ist, man kann nicht reinsehen, man muss das glauben. "Das sind die Mumien", sagt Andreas Wurda und seine Gäste treten jetzt etwas näher heran die beiden schlichten grauen Spezialkisten im Obergeschoss. Ein paar Meter entfernt lagern die Speere, Dutzende offenbar und jeder für sich sorgsam ummantelt mit Folie. Beim Einpacken, sagt Wurda, habe man große Vorsicht walten lassen - wer weiß, ob nicht noch Gift dran war am Gerät längst verstorbener Jäger ferner Länder...

Ortstermin im alten Gesundheitsamt, dem größten der drei Depots, wo die Stadt nach dem Auszug des Museums aus dem Schloss ihre Zeugnisse aus vielen Jahrhunderten Stadtgeschichte und die Früchte der Sammelleidenschaft eines Einzelnen, Julius Riemer, vorübergehend aufbewahrt. Auf 1 400 Quadratmetern lagert hier, fachgerecht verpackt, klimatisiert und gegen unbefugten Zugriff geschützt, das Gros des Sammlungsguts, für dessen Umfang die Maßeinheit 3 000 Quadratmeter gilt.

Mehr Zeit, nicht mehr Geld

Im Sommer vergangenen Jahres hatte der Umzug begonnen, mehrfach war es zu Verzögerungen gekommen, aber nun melden die Verantwortlichen Vollzug. Das Schloss ist leer, die Depots haben sich gefüllt. Und, sagt Wurda, "der Umzug ist im Kostenrahmen geblieben". Für Zeitverzug hatte unter anderem die mühlselige Suche nach einem dritten Depot - neben "Gesundheitsamt" und Altem Rathaus - gesorgt, schließlich fand man ein Objekt in der Puschkinstraße, wo 650 Quadratmeter als "Interim" zur Verfügung stehen.

Ein halbes Dutzend Restauratoren und Präparatoren haben den Museumsmitarbeitern in den vergangenen Monaten zur Seite gestanden. Je nach Material, Alter und Verwendungszweck der Stücke (Depot? Ausstellung?) waren Kenntnisse von Verpackungskünstlern gefragt. Im früheren Gesundheitsamt gibt es jetzt Aktenzimmer und Tresorräume, solche für Kisten voller archäologischer Funde sowie Räume mit Objekten und Literatur, die rasch zugänglich sein muss, nämlich zur Gestaltung der neuen Dauerausstellung im Zeughaus, und solchen, die über längere, ja, lange Zeit verpackt bleiben werden. Die Ratsbibliothek hat im Obergeschoss im Büro von Wurda, dem Leiter der Städtischen Sammlungen, Platz gefunden, vielleicht war es aber auch umgekehrt. Bis ins 16. Jahrhundert reicht dieser Teil des Bestandes zurück, Lederrücken neben Lederrücken, Bücher bildeten die Grundlage der Verwaltungstätigkeit, darunter auch solche mit zwielichtigem Titel: "Wie man Hexen erkennt", heißt etwa ein Werk von 1719, da ging es eigentlich schon auf die Aufklärung zu... 2 000 laufende Meter umfassen die Akten jüngeren Datums, allein durch die Auflösung der Strukturförderungsgesellschaft sind laut Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) etwa 80 Meter hinzugekommen. Zum Gedächtnis der Stadt gehören auch "fast alle Rechnungen" (Wurda) seit 1410, ein Bestand, der seinesgleichen suche in Mitteldeutschland, und 40 000 Fotos, die ältesten sind von 1856. Bis zum Umzug des Ratsarchivs in die Juristenstraße, wo derzeit ein Altbau saniert wird, bleibt das "Gesundheitsamt" auch Anlaufstelle für alle Hobbyforscher und Wissenschaftler, die hier, so Naumann, sogar bessere Arbeitsbedingungen vorfänden als im Schloss, freilich bei eingeschränktem Bestand.

Regelmäßige Untersuchungen

Besagte Mumien, und hier schließt sich der Kreis zum "Gesundheitsamt", sollen übrigens regelmäßig untersucht werden, so Wurda. Zweimal pro Jahr würden sie dem Präparator vorgestellt.

SCHLOSS

Land in Sicht

Der ins Stocken geratene Um-und Neubau vom Schloss kommt jetzt offenbar in Gang. "Die zeitweilige Unterbrechung der Arbeiten ist aufgehoben", die Ausschreibungen liefen wieder und er rechne nun für Juli mit einem Beginn der Bauarbeiten, so Oberbürgermeister Naumann. Grund für die Verzögerung waren wie berichtet Unstimmigkeiten zwischen Land und Kirche, die jetzt unmittelbar vor der Einigung stünden. Bezüglich des umstrittenen neuen Südflügels kündigte der Oberbürgermeister regelmäßige Konsultationen mit den Denkmalschützern von Icomos an. "Wir wollen Diskussionen wie in Potsdam oder Dresden vermeiden."

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Vielfalt ist auch eine Chance

RIEMER: Ethnologe plädiert für Nebeneinander von Völker- und Naturkunde.

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 15.04.2013 folgenden Artikel von Markus Wagner:

Wittenberg (MZ).Von wegen Sammelsurium. Das Nebeneinander von Völker- und Naturkunde in einem Museum hat durchaus seine Berechtigung. Der Ethnologe Nils Seethaler hat den nur scheinbar willkürlich zusammengetragenen Fundus des Riemer-Museums mit anderen Museen in Europa verglichen - und kommt zum Schluss, dass sich beide Forschungszweige durchaus befruchten können.

Eine Art Wunderkammer

"Das Riemer-Museum könnte eine Wunderkammer des 21. Jahrhunderts sein", sagt Seethaler, der am Freitagabend im Kirchlichen Forschungsheim über "Potentiale einer besonderen Sammlungsform" referierte. Dass sich ein Sammler gleichzeitig für Natur- und Völkerkunde engagiert, sei einerseits nicht üblich, andererseits aber auch nicht so außergewöhnlich. Seethaler präsentierte die Ausstellung von vier europäischen Museen und ihre Art, mit beiden Forschungsgebieten umzugehen.

Dabei sei die Trennung von Völker- und Naturkunde eine willkürliche, erläutert Seethaler. Aus der Auflösung der "Wunderkammern", in denen mehr oder weniger wahllos zusammengetragen wurde, was rar oder kurios war, entstanden erst im 19. Jahrhundert die Museen -- und die Trennung von Kultur und Naturgeschichte. "Die Trennung besteht in den meisten Museen weiter", sagt Seethaler - und zeigt mit dem Naturkundemuseum La Rochelle, dem Pitt Rivers Museum in Oxford, dem Bremer überseemuseum und dem Roemer und Pelizäusmuseum Hildesheim, wie es auch zusammen funktioniert.

Rarität Seekuhhaut

Riemers Sammlung müsse den Vergleich zu diesen keineswegs scheuen. "Zoologisch war sie die beste in ganz Deutschland", sagt Seethaler zum Höhepunkt ihrer Geschichte zwischen den Weltkriegen. "Herausragend geschlossen" sei aus heutiger Sicht die Südseesammlung gewesen. Wie man mit Raritäten wie dem Hautstück einer Stellerschen Seekuh - Riemer hatte eins von weltweit drei Stücken ergattert - umgeht, zeigt das überseemuseum: Es hat das Hautstück samt Bild und Schädel als einen Höhepunkt förmlich inszeniert. Gerade das Nebeneinander von Völker- und Naturkunde ließe manche Verbindung zu, so Seethaler. Schließlich ist Kultur auch Produkt ihrer Umwelt. Warum also nicht auf der einen Seite die Tiere präsentieren, die auf der anderen in Bildern eingeflossen sind oder ihr Fell, ihre Feder und die Zähne dafür gelassen haben? "Sammeln ist nicht bloßes Anhäufen", sagt Seethaler, "entscheidend ist das Konzept." Ein Grundkriterium legt er schon fest: So müssten Museen "Orte der Originale" bleiben. Zu viel Technik lenke nur ab. "Regelrecht anrührend" hat Michael Solf vom Freundeskreis Julius Riemer empfunden, "was anderswo möglich ist". Dass in Wittenberg genauso wie in La Rochelle ein Schloss für Riemers Sammlungen freigeräumt wird, ist allerdings unwahrscheinlich.

Diskussion um die Zukunft der Sammlung

Mit Vorträgen und Workshops versucht der Freundeskreis Julius Riemer in der Stadt für die Zukunft der Sammlungen zu werben. Das bislang im Schloss beheimatete Riemer-Museum musste den Umformungen für das Lutherjubiläum 2017 weichen. Eine Diskussion um die Herkunft der Stücke war entbrannt. Vermutungen, Riemer habe sie während der Nazi-Diktatur unlauter erworben, haben sich nicht erhärtet. Allerdings hatte die Stadt zunächst versucht, alle Leihgaben, die bei der Neustrukturierung der Museumslandschaft in der DDR ausgehandelt worden waren, rückgängig zu machen. Derzeit ist die Ausstellung verstaut, über die Art und Weise und den Ort einer zukünftigen Präsentation wird noch diskutiert. Ein Teil soll im Zeughaus gezeigt werden. Der Verein ist unter freundeskreis @riemer-museum.de oder unter 03491/87 78 88 zu erreichen.

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Frischer Wind im Gemäuer

Kronjuwelen, Szenen aus dem Alten Wittenberg und die Welt im Museum.

Unter dieser überschrift veröffentlichte der "Super Sonntag" am 03.03.2013 folgenden Artikel:

Wittenberg (wg)."Das ist eine Etappe auf dem langen Weg zur Neupräsentation der Städtischen Sammlungen im Zeughaus", begrüßte Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) am Mittwochnachmittag zahlreiche interessierte Bürger im großen Hörsaal der Leucorea, auch viele Schüler waren mit ihren Lehrern dabei. Die Stadt sei bislang mit ihrer Geschichte zu kurz gekommen, dieses Defizit ließe sich nun beheben.

Im Rahmen eines Wettbewerbs konnte sich die Leipziger Agentur Kocmoc.net durchsetzen, der wissenschaftliche Beirat wird die Erarbeitung des Ausstellungs-Drehbuches bis zum Schluss begleiten. Das neue Konzept, betonte der OB, sei dem Stadtrat vorzulegen, er habe das abschließende Votum. Das Drehbuch soll bis zum 31. Mai 2013 fertig gestellt sein, die Ausstellung im Erdgeschoss Ende des Jahres eröffnet werden. Die anderen beiden Etagen folgen später, wenn die Bibliothek des Predigerseminars ihren Standort im Schloss gefunden hat. Für die Neugestaltung des Stadtmuseums stehen eine Million Euro zur Verfügung, die Summe teilen sich Land und Stadt je zur Hälfte.

Kocmoc-Geschäftsführer Alexander Fleischmann und der für die inhaltliche Konzeption zuständige Mitarbeiter Jan Wünsche erläuterten ihre Ideen für das Stadtmuseum. Schöne Exponate nur in schönen Vitrinen zur Schau zu stellen, reiche nicht aus, es gehe auch um den sinnvollen Einsatz von Ausstellungsmedien und zeitgemäßen Darstellungsformen. Vor allem aber sollen die Ausstellungsstücke Geschichten erzählen.

Das Erdgeschoss ist für die "Kronjuwelen" der städtischen Sammlungen reserviert, hier finden besondere Exponate wie die Hand der Giftmischerin, das Richtschwert, der Walfischknochen des Kurfürsten oder die historische Bürgermeisterkette ihren Platz.

Die Geschichte der Stadt erzählen

Stadtmodell im Zentrum

"Wer in Wittenberg war, muss das Erdgeschoss des Stadtmuseums besucht haben, berichtete Fleischmann.

Für die verschiedenen Zielgruppen des Museums - Schüler, Einheimische, Touristen, Bildungsbürger - werden je nach Interesse, Zeit und Vorwissen verschiedene Parcours eingerichtet, die nicht nur auf die Obergeschosse, sondern auf alle Sehenswürdigkeiten in der Stadt verweisen - auf den Hans-Lufft-Keller im Arsenal, auf den benachbarten historischen Besucherempfang, auf Stadt- und Schlosskirche, Weberhaus, Haus der Geschichte, Lutherhaus. Im hinteren Teil des Erdgeschosses bieten 150 Quadratmeter Platz für Sonderausstellungen, so dass ständig wechselnde Exponate aus dem großen Fundus gezeigt werden können.

Im Zentrum steht jedoch das große Stadtmodell, das Wittenberg im Jahre 1873 zeigt. Bewegliche Lichtkegel illuminieren Teile des Modells, während über Monitore Kurzfilme laufen. "Auf diese Weise kann man Geschichten der Stadt erzählen", sagt Wünsche, "wie zum Beispiel die Wittenberger Historie anhand ausgewählter Gebäude oder mit Lucas Cranach durch Wittenberg."

Das erste Obergeschoss ist der Stadtgeschichte gewidmet, vorgesehen sind neun Stationen, während das Dachgeschoss unter dem Motto "Die Welt im Museum" Heimstadt der Riemerschen Sammlungen sein wird. Auch hier wird es eine Inszenierung mit besonders wertvollen Exponaten der naturkundlichen und ethnologischen Sammlungen geben. "Die Ausstellung wird einer Schausammlung gleichen, wobei wir auf das historische Mobiliar zurückgreifen wollen", erläuterte Wünsche.

Obwohl jede Etage 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietet, wird nicht alles wie bisher gezeigt werden können, etwa die große Primatenausstellung. Dafür wird es im Dachgeschoss mitten in der Sammlung Platz für Museumspädagogik geben: Hier sollen - nicht nur - Kinder unter Anleitung mit originalen Exponaten spielen, lernen und forschen können.

Bürger können ihre Vorschläge im Rathaus einreichen.

Ideenwettbewerb

Zu den besonders erfrischenen Ideen für die Konzeption des neuen Stadtmuseums ist die Präsentation von "Kronjuwelen" im Erdgeschoss des Zeughauses. Doch welchen Objekten kommt ein solcher, immer auch subjektiv gefärbter Status zu? "Das ist eine gute Gelegenheit, dass die Stadtgesellschaft ihre Sichtweisen einbringt", ruft Oberbürgermeister Eckhard Naumann die Bürger auf, ihre Vorschläge zu benennen.Pro Person bitte nur einen Vorschlag abgeben und diesen mit ein paar Sätzen begründen. Per Los werden drei Gewinner ermittelt, die als Anerkennung unter anderem eine Museumscard erhalten. "Wir wollen mit der Ideenfindung einen Dialog zwischen den Bürgern und den Ausstellungsmachern herstellen", betont der OB. Die Präsentation der "Kronjuwelen" ist nicht als starre Ausstellung zu verstehen, sie können auch im Turnus ausgetauscht werden. Vorgeschlagen werden können naturkundliche, ethnologische und stadtgeschichtliche Exponate. Zu den Favoriten des OB gehören das Rechnungsbuch von 1342 und die Gründungsurkunde der Stadt. Aber weil die Stadtgeschichte nicht im 16. Jahrhundert endet, können auch Ereignisse/Exponate der Gegenwart benannt werden, wie zum Beispiel die Aktion "Schwerter zu Pflugscharen" 1983 oder die Wendezeit.

Info

Vorschläge können bis zum 31. Mai 20^13 eingereicht werden bei der Stadtverwaltung Wittenberg, Lutherstraße 56, Pressesprecherin Karina Austermann oder per E-Mail unter Karina.Austermann@wittenberg.de

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Kronjuwelen gratis

STADTMU(SEUM: Ausstellungsmacher stellen Ideen fürs Zeughaus vor

Unter dieser überschrift veröffentlichte die Mitteldeutsche Zeitung am 28.02.2013 folgenden Artikel:

VON IRINA STEINMANN

Wittenberg (wg). Es gibt Konstanten, die zu berücksichtigen sind. Als er zehn Jahre alt war, sagt Jan Wünsche, hatte er in Wittenberg ein "Erweckungserlebnis" - ihn fas-zinierte die Hand der Giftmischerin. Wünsche wurde Museologe. An diesem Nachmittag steht er in der Leucorea und stellt sich den Fragen eines Jungen von heute. Felix fragt nach der Hand der Giftmischerin. Ob man die nicht nachbauen könnte, zum "Forschen für Kinder"? Eine gute Idee, findet Wünsche. Er selbst hat noch viele andere gute Ideen. Auch für die Kinder.

Erster Teil Ende 2013 fertig

Infoveranstaltung zum neuen Stadtmuseum. Die Leipziger Agentur Kocmoc.net hat wie berichtet den Zuschlag zur Ausstellungsgestaltung bekommen, Wünsche ist ihr Mitarbeiter. Ende 2013 soll der erste Teil des Museums im Zeughaus fertig sein. Die Idee ist, im Erdgeschoss einen überblick über die Sammlung zu bieten, einen Schnelldurchlauf für eilige Touristen, 15 bis 20 Minuten, sowie Parcours, die auf verschiedene Interessen zugeschnitten sind. Stets dabei: das Stadtmodell. Freilich nicht so wie es heute dasteht, sondern versehen mit Film- und Tonmaterial, Lichtkegeln, die einzelne Gebäude anstrahlen. "Ich kann mit diesem Modell Geschichten erzählen", ist Alexander Fleischmann, Kocmoc-Geschäftsführer, überzeugt: die gesamte Stadtentwicklung, die Zeit Cranachs, sogar die Gegenwart. Im Erdgeschoss soll das Beste gezeigt werden, was das Museum zu bieten hat, die Hand der Giftmischerin gehört natürlich dazu. Das Anschauen dieser "Kronjuwelen" sollte laut Wünsche kostenlos sein - und Appetit machen auf mehr in den beiden oberen Etagen. Während das erste Obergeschoss der Stadtgeschichte gewidmet werden soll - ebenfalls mit den Optionen "überblick" und Vertiefungen je nach individuellem Gusto, findet unterm Dach die Sammlung Riemer statt. Wünsche verspricht hier einen "grandiosen Auftakt", eine "Inszenierung", die die Sammelleidenschaft Julius Riemers greifbar werden lässt. So könnte das aussehen: Auf einer Art Karussell kreisen einzelne Exponate, von denen aus man den Dingen auf den Grund gehen kann. Schwärme von Fischen und Vögeln hoch über den Köpfen, Schubladen zum Aufziehen und mittendrin einen Raum für Museumspädagogik, in dem wissbegierige Schüler wie Felix und weiland der kleine Jan, sich einzelnen Stücken nähern. Natürlich unter Aufsicht und mit Handschuhen, versichert Wünsche auf Nachfrage eines besorgten Schulleiters, aber durchaus auch mit Originalen. Von anderem wird man Abschied nehmen müssen. "Natürlich zeigen wir Primaten", so Wünsche - aber die komplette Ausstellung dazu aus dem Schloss nicht. Die Frage kommt aus der Bürgerinitiative Julius Riemer, die eine "weitgehende Magazinierung" der Sammlung befürchtet.

Millionending

Dreimal 500 Meter stehen der Stadt im Zeughaus zur Selbstdarstellung zur Verfügung, davon sind 150 Quadratmeter Sonderausstellungsfläche im hinteren Teil des Erdgeschosses. Ende Mai soll laut Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) die Grobplanung stehen und später vom Stadtrat beurteilt werden. Eine Million Euro darf das neue, erste Stadtmuseum kosten. Komplett, versichert Kocmoc.

Umzug dauert an

Noch nicht abgeschlossen ist der Auszug des Museums aus dem Schloss in die Zwischenlager. Als Grund wird das verspätete Zustandekommen der Verträge über das dritte Depot im Westen der Stadt genannt. Umbaumaßnahmen an dem nicht stadteigenen Objekt (Brandschutz, Klima) würden vom Land finanziert, hieß es seitens der Stadtverwaltung.
Fortgesetzt werden soll der Umzug jetzt am 11. März und im April über die Bühne sein; zu verfrachten sind noch Teile der natur- und der völkerkundlichen Sammlung. Eigentlich hatte im Schloss ab Februar, also jetzt, Baufreiheit herrschen sollen. Als Zwischenlager dienen bisher das alte Gesundheitsamt und die Westhalle des Alten Rathauses. (irs)

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